Typhoon – die vielleicht beste Band der Welt!

10. Januar 2018 um 11:00 von Jörg Tresp | about blog, Allgemein | Kein Kommentar

Gut, mit Superlativen sollte man immer etwas vorsichtig sein, aber ich liebe diese Band aus Portland, OR seit etwa 8 Jahren und genauso lange hat es gedauert, bis sie endlich, endlich ein Album auch mal bei uns veröffentlichen und im März auf Tour kommen – HINGEHEN!

„Offerings“ ist der Titel ihres dritten Albums (plus einer EP) und dieses ist ihr bisher längstes, schwerstes, düsterstes, komplexestes und sicher fallen mir später noch ein paar weitere Attribute ein. Natürlich wäre es einfacher gewesen, wenn die grandiosen Vorgänger „Hunger And Thirst“ (2010) oder „White Lighter“ (2013) hier schon das Licht der europäischen Welt erblickt hätten, denn trotz dem sich immer eine mehr oder weniger schwere Melancholie mit einer unglaublichen Opulenz paart, so beinhalteten diese Werke – Alben würde eigentlich zu klein klingen – zumindest ein bisschen Licht und waren auch kürzer als die knapp 70 Minuten, die sie uns diesmal um die Ohren hauen.

Mit „wäre“ und „hätte“ lassen wir es aber besser, denn besser spät als nie, oder? Dabei gibt es zwei Hauptgründe, warum sie sich so lange Zeit gelassen haben, mal aus ihrer amerikanischen Heimat heraus zu kommen. Zum einen liegt dies an der gesundheitlichen Verfassung von Sänger, Gitarrist, Songschreiber und Mastermind Kyle Morton, der in seinem Leben mehr durch gemacht hat als man wissen möchte. Mit eben dieser Krankheit und diversen Nahtoderfahrungen kann man sich beim Debüt „Hunger And Thirst“ näher beschäftigen…..

Zum anderen besteht Typhoon nun mal aus 11 Bandmitgliedern und es war ihnen schon immer zuwider, nur einen Teil der Band rüber zu schicken und quasi als „little Typhoon“ aufzutreten. Nun haben sich aber Umstände geändert, so dass eine der beiden Geigerinnen die Band zunächst wegen einer Babypause verlassen hat und auch zwei weitere Mitglieder priorisieren andere Projekte, so dass sie nun nur noch zu acht (!) sind und endlich den Weg über den großen Teich finden werden.

„Listen, of all the things you are about to lose this would be the most painful“ – mit diesen Worten startet der Opener ‚Wake‘ und wer das für eine leere Drohung hält, liegt sehr, sehr falsch. Vielleicht ist es manches Mal ganz gut, dass wir die Texte nicht ganz so genau verstehen wie Muttersprachler, denn Morton verlangt dem Hörer hier rein psychisch einiges ab, aber warum sollen wir nicht an seinen Emotionen teil haben und so nimmt er uns mit auf seinen ganz eigenen Trip und immerhin weckt er uns ja nicht gleich mit einem Riesenbumm, sondern eher sachte und behutsam, wie es seinem Naturell entspricht. Wenn wir schon bei der Sprache sind, so heißt „Offerings“ hier nicht Angebote, sondern Opfer und das ist schon mal ein ziemlicher Unterschied, oder?

Nach 2,5 Minuten ist es denn mit dem dezenten Aufwachen vorbei und „Asa, Nisi, Masa“ erschallt, angelehnt an Federico Fellinis Filmopus „8 1/2“. ‚Rorschach‘ zeigt dann gleich mal die Muskeln bzw. Stärken der Band, denn es gibt keine Band auf dieser Welt, die es besser versteht, mit Dynamiken zu arbeiten – so kann man kaum glauben, wie leise und ruhig eine derartig große Band spielen bzw. sich zurück halten kann, bevor dann die zwei Schlagzeuger und der Rest der Band so richtig laut werden und sogar Arcade Fire in die Schranken verweisen – überhaupt beschreibe ich Typhoon seit Jahren als eine Mischung aus Bright Eyes und Arcade Fire – nur besser!

Vielleicht der richtige Zeitpunkt über den Inhalt zu sprechen, denn „Offerings“ ist ein Konzeptalbum im besten Sinne, bei dem ein fiktionaler Charakter im Vordergrund steht, der nach und nach sein Gedächtnis verliert und damit sich selbst – „I’ve always been preoccupied with memory, losing memory, and trying to recapture memory. I wanted ti explore the questions: What does a person become if they don’t know where they came from? What is the essential quality of the person if you strip away all memory?“ so Kyle Morton…

Natürlich hat er sich für dieses Mammut-Werk von verschiedenen Filmen, Kunst und Büchern inspirieren lassen: „I was watching a lot of David Lynch, and thought a lot about the Christopher Nolan movie Memento and Fellini’s 8 1/2. And there were a lot of books on my nightstand that played into this. It made it a much darker album for sure.“

Das 8-minütige ‚Empiricist‘ trägt den Charakter zurück ins Bett seiner Mutter und in die Gebärmutter, aber wir wollen hier nicht alles verraten – hört selbst und macht euch ein Bild, denn irgendwie sollte dieses Album in einer dramatischen Theatralik das Licht von Bühnen erblicken. ‚Algernon‘ holt uns dann wieder ein bisschen zurück und ist selbst in seiner akustischen Schönheit ein Stück weit bedrohlich.

Musikalisch ist es zwar der „typische“ Typhoon-Sound in all seiner Pracht, nur halt düsterer, mit weniger Trompeten und mehr Gitarre: „We have a little bit of trumpet on this record and a lot of string arrangements. But we really strayed away from the horn arrangements. I wanted it to be a darker, more intense rock record, so it’s very guitar -based. It’s going back to my rock roots“ so Morton.

Das Album ist übrigens in vier Abschnitte bzw. Kapitel aufgeteilt, die sich „Floodplaints“, „Flood“, „Reckoning“ und „Afterparty“ nennen und Morton wollte es zu einem ähnlichen Trip machen wie das „Inferno“ von Dante und das ist ihm dermaßen gut gelungen, dass mir der Mund offen stehen bleibt, denn wie Text und Musik hier zusammen gehen und Ebene für Ebene dramaturgische Fäden spinnen, ist einmalig.

Im zweiten Teil setzt sich der Niedergang fort, der dann im dritten Teil „Reckoning“ seinen negativen Höhepunkt erreicht, da der Charakter dieses ganze Leid nicht mehr ertragen möchte. Eingeleitet wird dieser von ‚Coverings‘, dem ersten Song in der Typhoon-Geschichte, den Morton nicht alleine, sondern mit der Geigerin Shannon Steele geschrieben hat und diesen singt sie dann auch gleich selbst, denn trotz dem Morton sonst der alleinige Songschreiber ist, ist er noch lange kein Control-Freak. Hier betritt der gepeinigte Mann also langsam die Hölle: „At the same time, on the worldly scale, this is the point where we don’t have any public trust and there’s no cultural memory, there’s just chaos. People are becoming identical in this collapse of meaning and you have no reference. If there is any point to this record it’s that – Without reference, you have an interesting concept of infinity, which can be really bad.“ (Morton)

Klar, was dann in ‚Darker‘ folgt, dem vermeintlichen Höhepunkt der Melancholie und das fast abschließende ‚Ariadne‘ holt noch mal mit den Textzeilen „everyone is a hostage – how will we ever get free?“ oder „everyone is a terrorist – don’t you know your neighbor?“ sowie dem dramatischen, musikalischen Finale alles aus sich raus. Danach kann dann nur noch die „Afterparty“, der letzte Teil, in Form des abschließenden ‚Sleep‘ kommen, ein 13-minütiger Brocken, der wiederum aus unterschiedlichen Teilen besteht – der Anfang bringt die kleine Parallele zu Bright Eyes ans Licht und klingt nach einem recht versöhnlichen, wenn auch wehmütigem Ende, der zweite Teil bringt uns alle runter und enthält primär Stille und der dritte Teil ist dann endlich die versprochene Afterparty, das Licht am Ende des Tunnels, die große Versöhnung mit sich selbst, der Platz, an dem er Frieden und Freiheit findet.

„Offerings“ kommt recht früh im Jahr und passend zur dunklen Jahreszeit. Ich kann euch versprechen, dass euch dieses Album das ganze Jahr nicht los lassen wird, wenn ihr es auf euch wirken lasst und nicht mal eben kurz abzufrühstücken gedenkt. „Offerings“ ist ein Meilenstein, der einen die heutige Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit nur so um die Ohren haut! (RollCall Records)

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