Rolling Stone Weekender 2017

5. November 2017 um 18:00 von Jörg Tresp | about blog, Allgemein | Kein Kommentar

Alle Jahre wieder lassen wir es uns nicht nehmen und sind beim Rolling Stone Weekender vor Ort und es ist immer wieder schön zu sehen, dass Menschen in Würde altern können, denn irgendwie ist es eine Oase des guten Geschmacks.

Natürlich wissen wir, dass das Durchschnittsalter weniger Festivals älter ist als bei diesem, aber ich hacke doch so gerne auf den hiesigen Musikgeschmäckern herum und im Alter nimmt das Interesse an Musik gerade in Deutschland schon auch extrem aber und genau deswegen war es mal wieder sehr, sehr wohltuend, dass es immerhin etwa 4.000 Ausnahmen von dieser Tatsache gibt.

Was das Programm von Festivals angeht, bin ich immer sehr skeptisch und der Freitag bot dann mit Ausnahme von The Dead South (Befangenheit!!!) wenige Höhepunkte, so dass ich mich hier auf den Samstag konzentrieren möchte, denn übrigens nicht nur meine Wenigkeit deutlich besser fanden.

Der übliche Schädel am Morgen wurde mit einer schönen Brise erstmal frei gepustet, bevor es dann zur „Lesung“ mit Robert Forster ging. Sehr gut gefüllt und sehr aufmerksames und respektvolles Publikum, auch wenn es dann doch keine wirkliche Lesung war, was der Rolling Stone – Autor Maik Brüggemeyer dann auch gleich klar stellte, da Forster, der eine Gründer der australischen The Go-Betweens, das gar nicht so mag. So las Brüggemeyer dann ein paar wenige Zeilen seiner eigenen Übersetzung der Forster-Biografie „Grant & I“ – Grant Mc Lennan war der kongeniale Partner von Forster, der leider bereits 2006 mit 47 Jahren starb und hier noch mal sehr und zurecht in den Mittelpunkt trat. Forster spielte dann einige Songs und Brüggemeyer stellte sehr gute Frage zur Karriere und vor allem zur Beziehung der beiden Köpfe dieser doch sehr unterbewerteten und fast übersehenen Band. Diese wunderbare Veranstaltung war dann auch einer meiner Höhepunkte des diesjährigen Weekenders.

Etwas später machte ich mich dann auf zur alljährlichen Rolling Stone – Talkrunde, wo die RS-Redaktion zum einen etwas Einblick in die Arbeit des größten deutschen Musikmagazins gibt und zum anderen gerne Rede und Antwort steht. Natürlich stehen auch die besten Konzerte und Alben des Jahres im Vordergrund, denn dies liebt das Magazin und scheinbar viele Leser doch so sehr, ich dagegen eher weniger.

Der Talk bot dann auch wenig Neues und Kritik aus dem Publikum betraf dann auch eher organisatorische Dinge zum Festival, so dass Folkert Koopmanns, Chef des Veranstalters FKP Scorpio, immer wieder ans Mikro gebeten wurde, um diese zu beantworten, was die Frage aufwarf, warum er nicht gleich Teil der Talkrunde war – diese ging dann aber trotzdem recht friedlich zu Ende, denn der Tenor war ja ein positiver.

So, nun wird es wohl Zeit, zum musikalischen Programm des Samstagnachmittags – bzw. -abends zu kommen und die Schweden von Friska Viljor eröffneten den Tag dann im Zelt bei äußerst miesem Sound, aber stets bemüht. Leider haben sie sich in den letzten Jahren zu keinen Höhenflügen mehr aufraffen können und so sind ihre Songs einfach im besten Sinne nett, aber keiner wird bestreiten, dass ihre ersten beiden Alben einfach ein anderes Niveau hatten und ohne diese die Show obsolet wäre, muss mal gesagt werden.

Viel besser als vor drei Jahren gefielen mir dagegen Blind Pilot, die zwar nur als Trio reüssierten, aber zum einen war der Rahmen dadurch etwas intimer und zum anderen bot sich der Kontra-Bassist fast schon kongenial für die Harmoniegesänge an. Kleiner Wermutstropfen auch hier, denn ihr Debüt von 2008 „3 Rounds And A Sound“ ist ebenso der Höhepunkt wie der eben erwähnten Schweden, aber der Titeltrack und ‚One Red Thread‘ versöhnen dann auch entsprechend.

Nun zum Grund, warum wir hier das Foto von Kevin Morby gewählt haben – er und seine drei Mitstreiter bildeten meinen ganz persönlichen Zenith des Festivals, auch wenn er diesmal einen unsäglichen Monteuranzug anhatte, wohingegen er doch bei der letzten Show im Molotow noch mit schönem Hut und richtigen Anzug fungierte, aber vielleicht war die Zeit zwischen Linecheck und Auftritt einfach etwas zu kurz. Natürlich standen Songs des neuen Albums „City Music“ und des besten Albums, dem Vorgänger „Singing Saw“ im Vordergrund, aber auch ältere Songs wie ‚Parade‘ und ‚Harlem River‘ sowie die aus dem letzten Jahr stammende Single ‚Beautiful Strangers‘ zeigten, dass der Ex-Woods-Bassist mittlerweile eine große, sehr erprobte Bandbreite hat.

Die Ernsthaftigkeit, mit der er Musik macht, die unglaublich tighte Rhythmus-Section sowie die vielleicht beste Gitarristin der Neuzeit lassen eine Horde neuer „Jünger“ voller Euphorie zurück. Sicher wird er und seine zum Teil ausufernden Instrumentalpassagen niemals massenkompatibel sein, aber mit welcher Ausstrahlung, aber auch Zurückhaltung Morby agiert, ist wahrlich einzigartig.

Nach einer kleinen Atem- bzw. Bierpause ging es dann zu Algiers, die ja zumindest gerade als sehr spannenden von der Journaille aufgenommen wurden und die anfängliche Dynamik ließ mich Semi-Großes erwarten, aber die Attitüde erschien mir dann doch sehr „pseudo“ und die Songs waren trotz netten Versuchen und Ideen nicht gut genug. Vielleicht nervt es aber auch ein bisschen, dass sie so cool rüber kommen möchten. Ich war wirklich offen, auch wenn ich sicher nicht die neuen At The Drive-In erwartet habe, aber nach Fake News werde ich das Gefühl nicht los, dass diese Band nicht so sehr authentisch ist wie ich es mir gewünscht hätte. Die Luft war dann leider ziemlich schnell raus, so dass die alten Haudegen von Madness die berühmten Kohlen aus dem Feuer holen mussten.

Ich hatte die neun Engländer das letzte Mal vor gefühlt 12 Jahren fast zufällig bei Rock am Ring gesehen und war damals sehr, sehr begeistert, mit welcher Dynamik, mit welchem Humor und mit welcher Bandbreite sie immer noch daher kamen. Dem entsprechend waren meine Erwartungen recht hoch, konnten aber nur zum Teil befriedigt werden, denn Sound und Szenerie waren sicher ebenso gut wie die Songauswahl, auch der Humor kam nicht zu kurz, aber die Band, die im letzten Jahr ihr 40-jähriges Jubiläum feierte, ist nun wirklich in die Jahre gekommen. Trotzdem führte Suggs durch einen gelungenen Auftritt und das Gefühl brach sich Bann, dass diese Band ähnlich in Würde altert wie das Publikum – Ahoi und bis zum nächsten Jahr!

 

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