Krachkeks-Kolumne: „Wo ist der Nachwuchs?“ (Folge 78)

15. Juli 2016 um 9:00 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | Kein Kommentar

Heute geht es mir mal wieder um den Nachwuchs in der Musikbranche und wer da nicht kotzen muss, dem ist nicht mehr zu helfen, denn irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass viele aus den falschen Gründen diese Branche wählen.

Zum einen sollte ich kurz und angeberisch voraus schicken, dass ich sowohl Dozent für „Music Business“ und „Projektmanagement“ sowie Labelbetreiber bin, zum anderen aber noch diverse andere Dinge wie Management, Booking, Label-Management, Label-Service betreibe bzw. sekundär mit Teilen dieser zu tun habe. Somit habe ich schon gezwungener Maßen mit dem Nachwuchs recht viel zu tun, allerdings bin ich nicht der böse Bube, als den ich mich hier vermeintlich darstelle und freue mich wirklich über fast jeden, der sich für diese Branche begeistert.

Genau da steckt aber der Teufel mal wieder im Detail, denn zum einen sollte man wissen, dass hinter den Künstlern und Musikern eine Branche steckt, es sich also mitnichten nur um ein Hobby handelt, zum anderen (schon wieder!) geht es um die Leidenschaft, den Enthusiasmus und die Begeisterung, die ein Jeder in diese Sache zu „investieren“ gedenkt, was hier mitnichten finanziell gemeint ist. Überhaupt sollte das Finanzielle wirklich der allerletzte Grund sein, um die Musikbranche zu entern, denn dafür gibt es sicher 99 % leichtere Wege.

Nun habe ich Kursteilnehmer und Praktikanten denen ich den Einstieg und das Überleben im Music Business durchaus zutraue, so dass ich diese raren, auch mich inspirierenden Menschen hier durchaus nicht meine, aber deren Prozentsatz ist verdammt gering und schwer überhaupt in Zahlen zu fassen.

Vielmehr musste ich in all den Jahren feststellen, dass es zwar eine große Begeisterung gibt, mit Künstlern abzuhängen – ich nenne es gerne das „Groupie-Gen“ – die Fähigkeiten oder die Bereitschaft, dem Business dahinter zu dienen, extrem marginal ausgeprägt ist. Es scheint sogar so, als hätten sich wenige Grünschnäbel darüber je Gedanken gemacht. Natürlich geht man auf viele Konzerte, ist überall auf der Gästeliste, aber letztlich ist dann doch das Büro und der Schreibtisch der Platz, an dem man sich zum Großteil aufhält und genau das liebe ich.

Ich möchte nicht mit Musikern, die sich im besten Fall wie Kinder benehmen, auf Tour sein und sie bemuttern. Nein, ich liebe es, jeden Tag ins Büro zu gehen, meine Füße auf den Tisch zu legen und am Computer rum zu tippen, Bands zu entdecken, mir Gedanken über diese zu machen, einen Zugang zur kaum noch vorhandenen Nische zu finden, zu diskutieren und mir meinen Kopf mit den Dingen zu füllen, die mich wirklich interessieren.

Versteht mich nicht falsch, auch ich trinke gerne mal mit (meinen) Bands ein paar Bierchen, die pennen öfter bei mir und alles ist dufte, aber das ist nicht meine Hauptmotivation – ich identifiziere mich einfach mit dem Produkt und von daher habe ich natürlich mein Hobby schon zum Beruf gemacht, auch wenn dies schon auch mit einem großen Leiden und Kampf gegen die Ignoranz da draußen einher geht.

Letztlich ist es auch für mich ein Lernprozess, dass Leute, die durchaus musikbegeistert sind und die es zum Glück immer noch, wenn auch immer weniger, gibt, dass diese aber in den seltensten Fällen wissen, was für diese Künstler zu tun ist. Jetzt mögen einige zurecht anmerken, dass diese ja vielleicht genau dafür Kurse oder ein Praktikum machen und da haben diese auch recht. Der Punkt ist nur, dass das Gros dieser sich hinterher schon als „nicht-music-business-kompatibel“ heraus stellen. Klar sage ich diesen das dann und zumindest diese Erkenntnis nehmen sie dann mit auf ihren Weg ins Lehramtsstudium, aber es müssen da draußen doch auch junge Menschen sein, die sich für Musik begeistern UND für das Business dahinter, oder?

Ich liebe es, diesen Interessierten die Musikbranche mit all ihren Fallstricken näher zu bringen, genau deshalb bin ich ja als Dozent tätig und auch wenn ich froh bin, dass wir gerade keinen Praktikanten haben – zum einen aus räumlichen Gründen, zum anderen da es wohl keine mehr mit einem wie auch immer gearteten „Indie“-Geschmack zu geben scheint – so möchte ich auch in Zukunft immer wieder mal junge Enthusiasten, die vielleicht ein eigenes Label oder was auch immer machen wollen, unterstützen. Im aktuellen Fall hatte mich im letzten Herbst eine nette Kanadierin beim BreakOut West – Festival in Victoria angesprochen, ob sie nicht vielleicht für mein Label in Deutschland abreiten könnte, da ihr die Künstler sehr gefallen und sie gerne diese Erfahrung machen möchte. Dazu muss man sagen, dass ich sie schon ein Jahr vorher auf einem Showcase-Festival in Kanada kennen gelernt hatte, mir aber trotzdem die Kinnlade runter fiel und die kommenden Wochen alle Steine aus dem Weg geräumt hatte, die vielleicht dagegen sprachen und nun sitzt sie mir hier in unserem Hamburger Büro gegenüber…

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