Krachkeks-Kolumne: „Solo-Alben“ (Folge 66)

2. Juli 2014 um 9:00 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | 2 Kommentare

Immer wieder kommt es zu dem Phänomen, dass sich Musiker vom Teils engen Bandkontext verabschieden und Solo-Alben machen. Zum einen zur sogenannten Überbrückung der Bandpause, zum anderen als Startschuss einer neuen Karriere, für die die Band als Sprungleiter fungierte.

Hier geht es nun darum, diese Tatsache etwas näher zu beleuchten, aber auch auf die Gefahr dieser Alben hinzuweisen, denn oftmals können sie mit den Alben ihrer Bands qualitativ und „kommerziell“ nicht mithalten und ebenso oft vertun sich Labels, da sie denken, dass John Frusciante als ein Viertel der Red Hot Chili Peppers doch auch ein Viertel der verkauften RHCP-Alben erreichen müsste – gut, diese etwas naive Sichtweise zeugt nicht von Intelligenz, aber darum geht es ja nicht immer.

Ein Musiker fühlt sich in der Band gefangen wie in einem Korsett, möchte seine musikalischen Visionen ausleben, kann das aber nur zu einem gewissen Grad, da die Mitmusiker auch noch eine Meinung haben, die der eigenen nur zum Teil entspricht, so dass ständige Kompromisse die Folge sind. Klar möchte man da irgendwann raus, selbst wenn es nur sogenannte Nebenprojekte sind. So hat sich Peter Buck neben R.E.M. bei diversen Projekten austoben können, u.a. seien hier The Minus 5 genannt, und das ist gut so befruchtet dieses musikalische Fremdgehen doch wiederum die Bandenergie und kanalisiert eventuelle Unzufriedenheiten. Buck war es denn auch egal, dass diese Projekte im Gegensatz zu seiner Hauptband ein wirtschaftliches und mediales Schattendasein fristeten, denn darum ging es ihm nie.

Anders sieht es vielleicht mit Thees Uhlmann aus, der Tomate irgendwann für kommerziell zu begrenzt und für zu „indie“ betrachtete, wo er doch mindestens in Kettcar-Regionen, aber eigentlich eher zu Robbie Williams aufschließen wollte. So wurde vieles dem Kompromiss unterworfen und eine „poppige“ Variante von Tomte erschaffen, die Produktion des Albums wurde glatter, Raab war nicht mehr böse und sich mit Bandkollegen absprechen musste er nun auch nicht mehr. Diese Strategie entspringt natürlich primär Marketingüberlegungen und was immer man davon hält, es hat funktioniert.

Allerdings frage ich mich zur Zeit, warum gerade in Deutschland vor allem Solo-Künstler schaffen, erfolgreich zu sein, denn in jüngerer Zeit gab es Cro, Casper, Tim Bendzko, Clueso und andere perfekte Schwiegersöhne, aber mit Kraftklub nur eine richtige Band, die es so richtig geschafft (!) hat und bei denen man zumindest als Teenie oder Twen das Gefühl hat, dass sie was zu sagen haben. Schaut man international und in die Historie, muss man fest stellen, dass viele der erfolgreichsten Bands à la Beatles, Nirvana, The Doors, Sex Pistols (na ja, das gecastete Bands haben ja selten eine lange Lebenszeit…) alle nicht lange am Start waren, auch wenn der Output der Beatles sicher für eine dreimal so lange Karriere gereicht hätte. OK, manches Mal stirbt ein wichtiges Bandmitglied oder verlässt die Welt freiwillig, aber was wäre das musikalische Oeuvre der Rolling Stones ohne die Reibungen der Mitglieder, insbesondere natürlich Richards und Jagger, wert? Entsteht aus dieser Reibung nicht erst einmalige Kunst?

Das bringt mich auf die Generation der unter 30-jährigen, bei denen ich immer das Gefühl habe, dass ihnen jegliche Diskussion oder Reibung ein Graus ist und so möglich Provokationen im Keim erstickt werden, weshalb Kraftklub als normale Menschen mit Ecken und Kanten schon eine Ausnahme dieses Wegduckens sind, oder? Ausnahmen sind nur leider nicht die Regel und so möchte ich hier gar nicht Solo-Künstler oder ihre Alben dissen, sondern mir wünschen, dass es da draußen vor allem in Deutschland auch mal wieder mehr Bands gemeinsam wagen, den ignoranten Mob von ihrer Kunst zu überzeugen, vielleicht eine Art Aufruf, der mich widerlegen soll, denn eine meiner Thesen lautet wie folgt:

„90 % aller Bands scheitern nicht an bösen Labels oder dem erwähnten ignoranten Mob, sondern an sich selbst!“

Dabei sind es wie in einer Beziehung meist die kleinen Dinge des Lebens, die sich hoch schaukeln bis zur Explosion und einer in der Band das Gefühl hat, dass er für einfach alles verantwortlich ist und die anderen sich um nichts kümmern, sei es die Webpage, Proberaum, Planung, etc. – genau diese Aufgabenverteilung in einer Band erscheint essentiell zum funktionieren, denn die Zeit ist leider nicht ewig und der gute deutsche Musiker fragt sich spätestens mit 25 Jahren, ob er nicht doch auf die Eltern hätte hören und was „Vernünftiges“ tun sollen.

2 Kommentare zu “Krachkeks-Kolumne: „Solo-Alben“ (Folge 66)”

  1. Britta Teutenberg sagt:

    Ich möchte ja nicht zu klugscheißerisch daherkommen, Herr Tresp, aber heißt die Band von Herrn Uhlmann evtl. nicht Tomate sondern Tomte?!? :-)) Ist dies gar ein klassischer Fehler Freud’scher Natur, der uns ganz subversiv deine mögliche Antipathie mitteilt? Liebe Grüße

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