Krachkeks-Kolumne: „Schlager-Pop“ (Folge 76)

12. Dezember 2015 um 9:02 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | 2 Kommentare

Was sagt uns das, wenn eine Band wie Wanda einen solchen Erfolg hat? Was sagt uns das, wenn sich ein Volk im Stillstand suhlt? Was sagt uns das, wenn die Jugend konservativer und konservativer wird? Was sagt uns das, wenn wir über Olympia in Sotschi meckern, aber uns selbst nichts zutrauen?

Es mag etwas unfair sein, eine Trottel-Combo wie Wanda als Grundübel für all die intellektuellen und kulturellen Mängel in unserer Gesellschaft verantwortlich zu machen und da würde ich ja ziemlich übers berühmte Ziel hinaus schießen. Aber irgendwie stehen sie exemplarisch für Provokation mit Handbremse und passen daher so sehr zu uns Deutschen oder Österreichern, denn wenn sich hier jemand vermeintlich auflehnt, dann mit Airbag bzw. immer aus einer Komfortzone heraus, die möglichst auch keine Konsequenzen haben darf.

Natürlich passt eine Band wie Wanda somit zum Major Universal und angepasstem Mainstream und dieser wählt nun mal eher konservativ, hört deutschsprachige Musik und findet den österreichischen Dialekt irgendwie „crazy“ und „schick“ und um Musik ging es einem Land wo Kraftwerk, Scooter und Rammstein den Ton angeben bzw. angaben ja noch nie, weshalb wir dann höchst selten voller Neid über den großen Teich spähen, denn auch wenn vieles in den USA sicher nicht lebenswert ist, so ist es die Musik immerhin in einem Maße, das hier nicht mal mehr in Nischen stattfindet. Natürlich sind Wanda nicht das einzige Beispiel der Pseudo-Provokation in musikalisch an Harmlosigkeit nicht zu überbietendem Gewand, denn es gibt ja ihre Landskinder von Bilderbuch oder auch das hässliche Mädchen-Duo Schnipo Schranke, die mit ihrem Song ‚Pisse‘ ganz doll anecken wollen, weshalb sie gerne den Erfolg ihrer literarischen Entsprechung Charlotte Roche anstreben.

Aber Wanda sind halt die erfolgreichsten und taugen für diese Gesellschaft als bestes Beispiel, weshalb natürlich Vergleiche zu Falco kommen müssen, nur hatte er halt die besseren Songsschreiber in einer Zeit, die nicht ausschließlich deutschsprachige Musik kannte. Klar, aus Marketingsicht haben Wanda natürlich alles richtig gemacht und der kleinen Bookingagentur, die sie entdeckt hat, haben sie dann auch mal ganz schnell den Rücken gekehrt, aber da sind sie natürlich in einer illoyal-illustren Gesellschaft, so dass sich aufregen nicht lohnt. Bald werden Wanda auf dem AFD-Parteitag auftreten und auch das regt dann keinen mehr auf, aber warum rege ich mich denn eigentlich auf?

Primär, weil mir diese Entwicklung, diese Musik und diese Attitüde missfällt. Klar findet auch die Musikpresse inklusive der vermeintlichen Indie-Presse nur lobende Worte für diese ach so originelle Band und leider, leider  scheine ich den Absprung der Auswanderung verpasst zu haben, so dass mir nur noch bleibt, eine homöopathische Dosis Salz in die Wunde Wanda zu streuen. Eines meiner Lieblingsalben des Jahres ist von der Frauenband Sleater Kinney aus dem Nordwesten der USA, die für alles steht, wofür hier leider nun mal gar nichts mehr steht: Größenwahn & Demut, Wagnis & Abenteuer, Unbequemlichkeit & Humor, hetero & lesbisch, erfolgreich & erfolglos, Melodien & Krach, Feminismus & Chauvinismus und und und

Fragt das Volk und ihr bekommt Stillstand, denn genau das ist es, was das Volk auch musikalisch möchte. Lichtblicke wie Trümmer oder Vierkanttretlager fristen dagegen ein Nischendasein, was schade ist, denn das sind Bands die machen, was sie wollen und nicht, was der Markt vielleicht toll findet. Letztere hatten mit ihrem Debüt schon einen latenten Erfolg, doch im Gegensatz zu ihrem Management wollten sie halt nicht noch mal ein derartiges Pop-Album machen, sondern eine größere musikalische Herausforderung annehmen und ich kann nur hoffen, dass sie mit dem dritten Werk diesen Schritt weiter gehen und nicht zurück rudern, denn die anderen Österreicher Bilderbuch waren ja auch mal eine erfolglose Indie-Band mit im besten Fall durchschnittlichen Songs, bevor sie das Konzept der Banalität entdeckt haben und nun die süßen Früchte des Kommerzes ernten.

Nein, ich neide ihnen den Erfolg nicht, denn in eben diesem sind schon viele umgekommen. Allerdings wünschte ich mir, dass es mehr als den Mainstream gibt und meine Befürchtung ist einfach, dass die Nischen heute kleiner denn je sind, denn wenn ich mich beim doch recht provokant klingenden „Holy Shit Shopping“ mal umsehe, sehe ich wieder nur Wanda- und Helene Fischer – Fans und vielleicht sollten sie doch gleich gemeinsam auf Tour gehen, denn Fans und Label sind doch eh die gleichen, oder?

2 Kommentare zu “Krachkeks-Kolumne: „Schlager-Pop“ (Folge 76)”

  1. Janine sagt:

    https://twitter.com/tomkraftwerk/status/526137512549699584
    Wer hat bloß allen erzählt, daß Schnipo Schranke, Balbina, … was zu sagen hätten oder verstehe ich sie möglicherweise/glücklicherweise nicht?

  2. Thomas sagt:

    Boah, schalt mal einen Gang runter. Wanda und AfD in einem Satz ist ein guter Grund, Dir mal richtig die Leviten zu lesen.
    Du hast ja in vielem Recht, was die Gemütlichkeit des Status Quo angeht. Aber die Menschen anzuschreien, weil sie etwas nicht tun, das nicht in ihren Genen liegt, ist auch irgendwie daneben.
    Die Masse ist leicht schwachsinnig. Das war schon immer so und wird nie anders sein. Oder gibt es ein Land (auf der Erde), in das Du auswandern wolltest, weil es dort anders ist?
    Und komm mir jetzt nicht mit Amerika, please.

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