Krachkeks-Kolumne: „Resignation“ (Folge 80)

10. März 2017 um 13:20 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | 1 Kommentar

Wie schon gesagt möchte ich die aktuelle Live-Kritik zu Tim Kasher nutzen, um mich auf der einen Seite mal wieder etwas auszukotzen, aber auf der anderen Seite vielleicht auch etwas zu sensibilisieren und euch zu mehr Interesse an „guter“ Musik aufzurufen!

Natürlich kommt es jeden Tag vor, dass tolle Künstler mit tollen Songs vor wenigen Leuten spielen müssen – das ist das Los vieler Künstler und natürlich wohnt meinem Anliegen zunächst die Subjektivität bei der Beurteilung von Kunst inne. Schließlich gibt es genug Gegenbeispiele, d.h. Künstler, die in vollen Häusern und vor vollen Menschen spielen, aber die Betrachtung des Mainstream war noch nie mein Anliegen.

Kommen wir mal zu einer meiner liebsten Bands Grandaddy, die ja nun nach 10 Jahren mal wieder ein neues und großartiges Album veröffentlicht haben und in den nächsten Monaten immerhin 26 (!) Shows in Europa spielen und davon genau keine in Deutschland – was soll das? Sicher kein rares Beispiel einer Band, die einen Bogen um Deutschland macht, weil ihre Kunst hier scheinbar nur wenige Idioten wie mich interessiert. Das macht mich traurig und lässt mich resignieren, dabei sollte ich doch wütend sein und mit dieser Kolumne zum Krieg gegen musikalische Ignoranz aufrufen. Alleine mir fehlt der Glaube!

Bei Konzerten geht es den meisten Leuten halt nicht um Songs, wie bei Grandaddy oder Tim Kasher, sondern es geht ihnen um die Show und damit ist mitnichten nur der Mainstream gemeint, sondern auch die mir doch so wichtigen „Indie-Nischen“ jenseits des Mainstreams. Die Bands die auf Bonsai-Labels wie meinem am besten funktionieren, sind die sogenannten Party-Bands. Versteht mich nicht falsch, denn natürlich liebe ich die Party-Bands auf meinem Label, sonst wären sie da ja nicht, aber aus wirtschaftlichen Gründen müssten wir nur noch derartige Bands und deren Alben veröffentlichen, aber das will ich nicht.

Ist unser Alltag denn so grau und langweilig, dass wir in einem Konzert nicht mehr zuhören sondern tanzen und diese vergessen möchten? Es kann doch aber nicht sein, dass die meisten meiner Lieblingsbands Deutschland ganz außen vor lassen oder nur eine Show in der satten Medienstadt Berlin spielen. Die 30 Leute, die gestern voller Wonne zugehört haben, werden immer weniger und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir Nischen-Labels Musik für immer weniger Musikfans veröffentlichen. Ist das der Lauf der Welt? Möchte ich diesen aufhalten?

Irgendwie schon und ich werde nicht müde, Bands zu entdecken und sie zunächst mal nach ihren Songs zu beurteilen und erst dann nach ihrer „Live-Performance“. Es geht Schriftstellern heute ja genauso, d.h. ohne ihre Bücher durch Lesungen zu promoten und auf diesen zu „performen“ oder zu „entertainen“, werden sie kaum wahrgenommen. Dabei ist es eher die Ausnahme, dass gute Schriftsteller auch charismatische Performer sind. Ein Robbie Williams ist sicher einer der besten Entertainer der Welt, aber er schreibt halt keine guten Songs, so dass das meistens andere für ihn übernehmen, denn wer ist schon mit so viel Talent gesegnet, dass er beides bis zur Brillanz beherrscht?

Ich möchte aber Künstler sehen, die ihre eigenen Songs auf der Bühne spielen und mich mitnehmen in ihre Welt. Natürlich hilft dabei ein gewisses Charisma, aber ein Jason Molina aka Songs:Ohia oder Mark Kozelek aka Sun Kil Moon haben sicher nicht die größte Ausstrahlung, um so mehr kann man die Augen zu machen und sich in den Songs verlieren und diese Momente bieten dann sogenannte Gänsehautmomente, die man am liebsten mit seinesgleichen teilt.

Hierzu zählt dann sicher auch die Frage, wie konsumiere ich Musik und ich bin der letzte, der die „neuen Medien“ verteufelt und jeder soll für sich entscheiden, wie er Musik hört, aber zumindest wünsche ich mir eine möglichst qualitative Auseinandersetzung, die der Musik gerecht wird. Ich finde Streaming aus Fan-Sicht erstmal eine verdammt gute Sache, denn beim „Radio in gut“ kann ich viel Neues entdecken und muss über kein großes Budget verfügen. Allerdings hört man die Musik dann meistens ähnlich nebenbei wie das Radio, so man es denn überhaupt hört….

Darum sieht mein Konsum so aus, dass ich mir Alben (!) auf Spotify und Konsorten anhöre und sobald ich diese für richtig, richtig gut halte, kaufe ich sie mir auf Vinyl. Denn erst dann bekommt das bewusste Hören eine andere Qualität. Wie gesagt, muss das jeder für sich entscheiden, aber ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn wir offen für neue Musik wären und Künstler nicht als Massenware begreifen. Vielmehr sollten wir die Werke dieser kritisch, aber mit einer gewissen Euphorie begleiten und alle musikalischen Höhen und Tiefen mit ihnen teilen, zum einen Zuhause mit ihren Alben, zum anderen aber auch live, denn dann eröffnet sich ja meist eine noch intensivere Auseinandersetzung, aber dafür müssen wir die Todsünde der Trägheit besiegen.

Ein Kommentar zu “Krachkeks-Kolumne: „Resignation“ (Folge 80)”

  1. Sven sagt:

    Dass Bands Deutschland auslassen, ist allerdings eher die Ausnahme. Spricht man mit Musikern aus dem Ausland, sind diese meist begeistert vom deutschen Publikum, das noch relativ aufmerksam zuhört. Heißt: In anderen Ländern ist es noch schlimmer.

    Trotzdem: Auch mir kommt es so vor, als ob die passionierten Musikliebhaber weniger werden. Irgendwie wirkt die Szene wie ein kleiner, geschlossener Kreis, in dem sich die immer gleichen Nerds treffen. Aber auch die sterben langsam aus.

    Sicher mögen Streaming und Co ihre Schuld daran haben, aber das allein kann es auch nicht sein. Für mich ist ein Konzert immer noch jedesmal ein spannendes und emotionales Erlebnis. Das so viel mehr berühren kann als Saufen und Party.

    Und zu Grandaddy wäre ich natürlich auch gerne gegangen.

Schreibe einen Kommentar
* Pflichtfeld

All About Songs :

About About Songs

About Radio

About Songs & Books

About Live