Krachkeks-Kolumne: „Geschmack“ (Folge 75)

21. Oktober 2015 um 13:22 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | Kein Kommentar

Natürlich kenne ich den Spruch, dass sich über (Musik)-Geschmack nicht streiten lässt, aber das ist einfach Quatsch, denn es gibt viele Dinge, über die sich vortrefflich streiten lässt und Musik gehört einfach dazu!

Allerdings stellt sich die Frage eher, was der Streit über Musik bringen sollte, denn schnell sind wir bei den berühmten Windmühlen oder den Eulen und Athen, aber es regt mich sehr, sehr, was speziell in unserem Wohlstandsland für miese Musik konsumiert wird. Ich rege mich darüber bestimmt auch nicht zum ersten Mal auf und das übrigens täglich, nur posaune ich es dann nicht in die kleine Welt, sondern behalte es für mich und unser Umfeld, aber jetzt muss es einfach mal wieder raus.

Vielleicht macht es den einen oder anderen ja Stolz, wie erfolgreich deutsche Musik im eigenen Lande ist, aber ich könnte den ganzen Tag kotzen, denn selbst wenn Ausnahmen die Regel bestätigen mögen, dann ist es künstlerisch wirklich grenzwertig, was „wir“ so gut finden. Das gilt zum einen für ganze Genres, aber selbst wenn wir bei „about songs“-kompatiblen Genres wie z.B. Folk bleiben und uns dann Belangloses wie Mighty Oaks zu Gemüte führen, beginnt der Zweifel. Es mag ja toll sein, dass sie in Berlin leben und aus vier verschiedenen Ländern kommen, aber zum einen hat das doch nichts mit Musik zu tun und zum anderen ist es dann doch verwunderlich, dass sich in keinem anderen Land dieser Erde jemand sonst für sie interessiert und das, obwohl sie doch beim großen Major Universal unter Vertrag stehen…

Ich mag auch keinen Elektro-Pop und doch werde ich täglich damit bombardiert, wann ist damit endlich Schluss? Klar ist es naheliegend für deutsche „Künstler“ Elektro zu machen, denn wer kein Instrument spielt kann trotzdem Musiker werden und der Markt fragt es doch so sehr nach….ich hasse ihn, diesen Markt, der doch im besten Fall Durchschnitt gebiert und wenn es gute Ansätze gibt, diese im Keim erstickt und den Künstler in die Hobby-Ecke drängt.

Vielleicht bin ich zu oft in den USA und Kanada, was dekadent klingen mag, aber als Nischen-Musikfan muss ich hier einfach öfter mal raus, um mich von der musikalischen Oase küssen und motivieren zu lassen. Portland mag da kein repräsentatives, aber ein gutes Beispiel sein, denn da hören alle wie selbstverständlich bessere Musik als hier – ja, ich treffe den Nagel der Pauschalierungen schon ganz gut, oder? Egal, ob man Klamotten, Bücher oder Kaffee kauft, die Musik ist im schlechtesten Falle erträglich und nicht mit stümperhaften Beats  oder schlimmen Gesang, wenn überhaupt, versehen. Hier denken Künstler, dass sie ein Label oder Management brauchen, wenn sie sich nicht mal entscheiden können, ob sie überhaupt mit Musik ihr Geld verdienen wollen. Die meisten versuchen es dann höchstens halbherzig, aber ich will keine Herzen, die nur halb bei der Sache sind, ich will das ganze Herz, ich möchte, dass Musik alles, was sie haben, in ihre Musik stecken, d.h. keinen Plan B in der Tasche, keine Spielchen spielen, etc. – Trauer, Spaß, Aggression, Melancholie, Ehrlichkeit, Emotionen – all das muss in die Musik, aber hier traut sich halt keiner, sondern versteckt sich dann noch hinter Masken, damit man ja nicht zu viel von seiner Durschnittlichkeit preis gibt.

Natürlich ist das unsere Erziehung und natürlich hat das nicht nur Auswirkungen auf unsere Musikgeschmäcker, denn nichts lieben die Deutschen mehr als 1-2 im Jahr aus der durchschnittlichen Langeweile auszubrechen. Das nennen sie dann Urlaub und endlich flüchten sie mal in ein vermeintliches Abenteuer, auch wenn es sich nur um ein anderes Land und hier und da um eine etwas andere Kultur handelt. Kommt man dann vielleicht mit einem Haufen Visionen, wo sollen die her kommen, zurück, erschlägt sie der Alltag und bringt sie wieder auf das so gut funktionierende Normalmaß, diese Lemminge.

Ich möchte ein Stück Portland nach Deutschland holen und wenn es schon nicht die Musikkultur oder die gemütlichen Holzhäuser sein können, dann vielleicht eine Band, die mir sehr am Herzen liegt und wenn es das letzte ist, was ich mache, dann habe ich zumindest was getan, um dieser Musikwüste etwas wahre Kunst entgegen zu setzen, auch wenn das wieder Geschmacksache ist und ich mich jetzt wieder in meine schön-melancholische Nische begebe!

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