Krachkeks-Kolumne: „Eigentlich“ (Folge 71)

11. Februar 2015 um 14:30 von Jörg Tresp | about blog, Krachkeks Kolumne | Kein Kommentar

Warum ist es heute bloß so schwer, eine eigene Meinung zu haben und diese auch entsprechend zu vertreten? Gleiches gilt für die Entscheidung, die doch ähnlich schwer zu fallen scheint. Hat man sich dann mal durch gerungen, eine zu haben bzw. zu treffen, dann setzen wir dem das deutsche Wort „eigentlich“ davor, damit wir diese gleich wieder ein Stück weit relativieren, schlimm das.

„Eigentlich wollte ich die Welt erobern…aber es regnet“, „Eigentlich hatte ich heute viel vor, jetzt habe ich morgen viel vor….“ – diese Sprüche könnte ich ewig fortsetzen und wer sein Umfeld beobachtet oder gar zuhört, wird feststellen, dass „eigentlich“ eines der am häufigsten gebrauchten Wörter geworden ist und laut Duden kennzeichnet es einen „halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand“, d.h. es ist an Überflüssigkeit nicht zu überbieten.

Dabei fällt mir auf, dass viele Dinge, die aus meiner Sicht überflüssig sind, schier unglaubliche Erfolge feiern und was erwarte ich von einer auf Sicherheit bedachten Gesellschaft? Das Volk der Dichter und Denker hat sich zum Volk der Zögerer und Zauderer entwickelt und da jedes Volk das bekommt, was es verdient, konnte das Wort „eigentlich“ all diese Erfolge feiern. Ich finde, dass es nun genug gefeiert hat und verschwinden muss, genauso wie Taylor Swift, Bayern München oder Angela Merkel.

Aber das scheint leichter gesagt als getan, denn die Tatsache, dass wir Änderungen nicht mögen, Entscheidungen nicht treffen wollen und langweilig-skandinavische Lebensart für das Größte halten, wird „eigentlich“ nicht den Garaus machen. Habt ihr mal versucht, von Leuten eine schnelle und ehrliche und vielleicht auch unüberlegte Meinung zu bekommen? Schwierig, denn immer schleicht sich da „eigentlich“ ein und versucht, ein kleines Hintertürchen offen zu lassen, so dass man immer mal wieder ein Stück im seichten Wasser, in dem wir uns bewegen, zurück rudern kann. Jetzt wisst ihr auch, warum es beim „Tabu-spielen“ (kennt das noch jemand?) nicht vorkommt, denn was wir lieben, wollen wir auch behalten, auch wenn es nicht gut aussieht, wo wir schon wieder bei unserer Kanzlerin wären…

Veränderungen fallen uns nicht immer leicht und das ist auch ok, aber ohne diese verkommt das Leben zu einer Brut der Trägheit und Sättigung, die ich satt habe, denn satte Menschen oder Menschen, die sich nicht mehr aufregen können, verkommen zu mental fetten und faulen Individuen, die dann als Pegida auf die Straße gehen – obwohl, immerhin gehen sie auf die Straße, oder? Doch ist ihr Antrieb kein anderer als die persönliche Sicherheit, die über alles zu gehen scheint und das nicht nur „eigentlich“. Klar war früher vieles besser, denn da hatten Menschen, die auf die Straße gehen noch Motive, die über die eigene Befindlichkeit hinaus gehen.

Was wollte ich damit jetzt „eigentlich“ sagen? Zum einen, dass es mir leid tut, was aus uns so geworden ist, mich ausgenommen natürlich (letzteres ist übrigens eines meiner liebsten Wörter, da es das Gesagte doch noch betont und für selbstverständlich hin stellt…), und wir einfach mal wieder eine uneingeschränkte Meinung vertreten dürfen und jeden Tag, mal mehr mal weniger wichtige, Entscheidungen treffen sollen, die wir dann vielleicht auch mal bereuen, aber zumindest haben wir was entscheiden und hiermit rufe ich euch dazu auf, das Wort „eigentlich“ ein für alle Mal zu begraben!

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