Krachkeks-Kolumne Folge 46 "Nostalgie"
veröffentlicht am 9. Januar 2009 von Jörg
Willkommen im neuen Jahr und da wir alle noch etwas träge und melancholisch sind, lasse ich den Krach auch noch etwas in der Tüte und merke, dass die Jugend mich doch schon sehr lange verlassen hat.
Neulich – ein Wort, das die Jugend sicher gar nicht mehr kennt – hörte ich mir das großartige Hörbuch zu “High Fidelity” (Nick Hornby) gleich zweimal hintereinander an und fühlte mich erneut so, als würde man da die ganze Zeit über mich reden. Das Buch, welches neben “A Long Way Down” sein bestes war, hatte ich vor Urzeiten gelesen und geliebt und wer den Film nicht mindestens einmal im Monat guckt, kann mein Leben nicht nachvollziehen. Ja, wahrlich nostalgische Momente treiben einem die Tränen in die Augen und natürlich war es schon immer mein Traum, genau so einen Plattenladen aufzumachen. Aber selbst dazu braucht man Geld und ein Label ist ja heute genauso brot- und sinnlos, denn die Jugend kauft einfach keine CDs mehr und weiß doch gar nicht, was für haptische Gefühle ihnen entgehen.
Wer kennt sie nicht, diese Erfahrungen, in einem gemütlichen Plattenladen auf der Suche nach Neuem zu sein? Dieser Geruch, diese Liebe in den Regalen, die gesunde Arroganz der Verkäufer, dieses Stöbern nach Emotionen? Nun, diese Art von Plattenläden gibt es hier in Deutschland leider so gut wie gar nicht mehr und inzwischen ist der hiesige Saturn zwar schlecht, aber immer noch besser sortiert als kleine Läden, was mich extrem nervt. Das ist übrigens ein Grund, warum ich mich auch dieses Jahr wieder auf nach Seattle und Portland mache, denn da gibt es diese Läden mit wohlriechenden Holzregalen noch und jedes Mal entdecke ich viel Schönes und Neues, was vielleicht nicht meine Frau, aber mein Herz erfreut.
Diese Wehmut, die mich dann erfasst, kann man wohl Nostalgie nennen und in depressiven Momenten fühlt es sich an wie der Tod, denn diese Momente sind äußerst rar und werden in den nächsten Jahren ganz aussterben, obwohl ich zumindest in meiner Generation – nein, ich bin nicht mehr 15 – vereinzelt den Wunsch nach gemeinsamen Lese- oder Spieleabenden entdecke und das ist ja ebenfalls eine Form von Nostalgie, auch wenn den Büchern und Brettspielen wohl noch eine längere Lebenszeit beschieden ist als den Tonträgern.
Kleiner Rückblick zu “High Fidelity”: Klar mag meine Frau den Film bzw. das Hörbuch auch gerne – sie liebt mich ja schließlich – aber oft muss ich den Film dann doch alleine gucken, da sie dieses Monatsritual einfach verweigert. Ich sage ihr dann immer, dass wenn meine Uraltfreunde, mit denen man ja bis auf diese Uraltfreundschaft meist nur noch wenige gemeinsame Leidenschaften teilt, sie mal fragen, wie sich der Jörg so entwickeln konnte, schenke ihnen einfach “High Fidelity” und vielleicht verstehen sie mich und mein Leben dann besser.
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Krachkeks-Kolumne Folge 45 "Die Omnipräsenz des Durchschnitts"
veröffentlicht am 8. Dezember 2008 von Jörg
Gerade eine kleine Mittagspause eingelegt und über “Männer ohne Eigenschaften” im Spiegel gelesen, wo es um den unglaublichen Erfolg der Schwiegersohnmoderatoren Kerner, Pilawa, Pflaume, Geissen, Beckmann, Lanz (wer ist das denn?), etc. geht. Zum Großteil spricht mir dieser Bericht mal wieder aus dem Herzen, auch wenn dieses Phänomen stromlinienförmiger und ohne Ecken und Kanten auskommender Allzweck-Moderatoren ja kein neues ist.
In seiner Ausprägung dann aber doch, denn natürlich gab es diese Heinis schon immer, nur gab es auch die eine oder andere Alternative, die jetzt mit Harald Schmidt so langsam seinen Abschied einläutet und uns “normale” Menschen in tiefster Depression zurücklässt, denn genau das bewirken genannte Fernsehfressen bei mir. Nur vergisst der Spiegel zu erwähnen, dass diese halt ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sind – vielleicht haben sie Angst, sonst ein paar ihrer zahlreichen Leser zu verlieren?
Nur erleben wir auch in Bereichen wie Sport, sowohl was die Moderatoren als auch die Sportler angeht, Politik und Musik die gleichen Ausprägungen und Charaktere, so dass ein Philip Lahm heute fast schon als progressiv gilt, obwohl er der in die Riege der besten Schwiegersöhne an der Spitze stehen müsste. Menschen, die jedem sympathisch sind, waren mir immer höchst suspekt und wir kennen aus der Geschichte viele “Persönlichkeiten”, die sich genau das zu Nutze gemacht haben. Nun möchte ich hier aber keine wilden Verschwörungstheorien aufstellen, sondern lediglich sensibilisieren und eine deutsche Gesellschaft fordern, die obige Beispiele wirklich an den Pranger stellen.
Nein, der Lahm ist schon ein Netter und wahrscheinlich eher nicht gefährlich, aber in der Politik regieren Menschen, die sehr weit entfernt sind von jeglichem Charisma und so entsprechen Merkel, Rüttgers, Wulff und Konsorten doch genau einem Beckmann oder Pilawa in ihrer durchschnittlichen Langweiligkeit, aber genau vor diesen habe ich Angst, denn als Menschen werden sie bei uns doch schon lange nicht mehr kritisiert und ehe wir uns versehen, ist der Christian Wulff aus dem druchschnittlichen Niedersachsen unser nächster Kanzler!
Klar gibt es auch mehr als genug Beispiele aus der Musik, wozu man sich nur die Stories und Titelbilder der einst fast als progressiv geltenden Musikmagazine anschauen muss, wo sich ebenfalls niemand mehr etwas traut, so dass die Fressen auf diesen ständig die selben sind – Veränderung geht anders.
Ich muss mich jetzt etwas zurücknehmen, denn sonst würden der Wort zu viele gelesen werden wollen und meine Hetze dem einen oder anderen wieder zu weit gehen. Vielleicht sollte jeder bei sich selber mal überlegen, ob er nicht ein Teil dieses gesellschaftlichen Durchschnitts geworden ist und sich in dieser Rolle wohlfühlt. Würde mich nämlich nicht wundern, wenn er genau das tut.
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Krachkeks-Kolumne Folge 45 "TV On The Radio"
veröffentlicht am 3. November 2008 von Jörg
Vor etwa vier Jahren kaufte ich mir mal wieder ein paar CDs in meinem liebsten Plattenladen “Sonic Boom” in meiner liebsten Stadt Seattle. Mir macht es immer Spaß, in neue Bands reinzuhören, die es bei uns in Deutschland nicht gibt. So fiel mir auch das Debüt von TV On The Radio “Desperate Youth, Blood Thirsty Babes” in die Hände und ich war von ihrem eigenen Stil sowie 2-3 Songs wie natürlich ‘Staring At The Sun’ angetan. der Rest des Album war dann aber nicht mehr als Durchschnitt.
Wie wir alle wissen, folgte dann zwei Jahre später mit “Return To Cookie Mountain” das bessere Album und der Durchbruch. Diesmal hatten sie auch die Anzahl der sehr guten Songs auf 4-5 steigern können, so dass ich ihnen den Erfolg auch gönnte. Auch wenn viele anderer Meinung sein mögen, so sind sie live für mich nicht mehr als biederer Durchschnitt und es ist schön, dass sich die Geister scheiden. Klar machen sie viel wett durch einen wirklich eigenständigen Stil, aber an Sound und Ausstrahlung und gesanglicher wie musikalischer Leistung steht dies konträr zu den über sie ausgeschütteten Lobeshymnen.
Album drei heißt “Dear Science” und ist in fast jedem Musikmagazin mit nie da gewesenen Superlativen zum “Album des Monats” gekürt worden. Das kann ich nun leider gar nicht mehr nachvollziehen, denn ich finde, dass dies ihr mit Abstand schlechtestes der drei Alben ist. Klar mag der Sound besser als auf den Vorgängern sein, aber wo sind denn die Songs geblieben? Ich sage jetzt ja nicht, dass die Musik furchtbar schlecht ist, nur merkt man der Band an, dass sie sich in diversen Nebenprojekten und anderen Aktivitäten gerade zurecht selbstverwirklicht, aber keiner zu merken scheint, dass sich dies negativ auf das Schaffen von TV On The Radio ausgewirkt hat.
Immerhin stehe ich seit der letzten Tour wenigstens nicht als Einziger da, der einen negativen Live-Eindruck gewinnen konnte, aber warum alle Magazine das neue Album so loben, ist mir ein Rätsel. Gut, ich stand noch nie auf 70er Funk und da dieser Stil hier mehr gepflegt wird als vorher, verstehe ich zumindest, dass ein paar mehr Mädchen auf den Konzerten auftauchen. Andere Magazine wie Stern hören zum ersten Mal von der Band und sind somit vielleicht auch etwas entschuldigt, da sie irgendwie das Gefühl haben, dass auch mal vermeintlich Cooles ihrer Mainstream-Leserschaft näher gebracht werden muss.
Ich finde das neue Album und die damit verbundenen, ausschließlich positiven Kritiken einfach mehr als enttäuschend. Hier wird mal wieder auf einem Trend gesurfed, der es einfach nicht wert ist, aber scheinbar stehe ich mit dieser Meinung ja mal wieder völlig allein im Wald.
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Krachkeks-Kolumne Folge 44 "Das Leiden eines Fans"
veröffentlicht am 27. Oktober 2008 von Jörg
Selten, sehr selten ist Fußball das Thema der “Krachkeks-Kolumne”, da hier ja meistens die Musik bzw. die Musikbranche im Vordergrund steht, aber diesmal konnte ich nicht mehr an mich halten und irgendwie müssen die Ereignisse und Gefühle des gestrigen Spieles verarbeitet werden!
Pünktlich auf dem Sofa Platz genommen, verwunderte zunächst der “Schachzug” unsseres Trainers Jol, Alex Silva, den 6,2 Mio. Einkauf, gegen eine nicht nur technisch extrem eingespielte Mannschaft wie Hoffenheim wieder in die Innenverteidigung zu stellen und Matheijsen dafür nach links zu beordern, da ja sowohl Atouba als auch Jansen verletzt sind. Bevor meine Frau sich dann zwecks “Grey’s Anatomy” ins Nebenzimmer verzog, hauchte ich noch ein “ganz schön riskant” vor mich hin, aber zu pessimistisch wollte ich vor dem Anpfiff ja auch wieder nicht erscheinen. Dass mir schon die ersten Minuten recht gaben, kann mich nicht stolz machen.
Ich versuche mich dann immer in die Lage des Trainers zu versetzen, der ja im Regelfall Aufstellung, was bei wichtigen Ausfällen nicht leicht ist, und Taktik vorgibt. Wenn man dann gegen Hoffenheim und damit die zur Zeit spielstärkste und offensivste Mannschaft der Bundesliga antritt bzw. nach Eigenaussage “junge und unglaublich hungrige”, sollte man den eigenen Spielern unbedingt versuchen, die HSV-typische Trägheit und meist langsame Spieleröffnung auszutreiben und sie auf absolute Konzentration zu trimmen, denn dass der Gegner technisch und läuferisch überlegen ist, weiß man, auch wenn es viele nicht wahrhaben wollen.
OK, ich könnte jetzt weiter über den Unterschied zwischen guten Vorsätzen und der Umsetzung auf dem Platz philosophieren und bestimmt hat der Trainer hier nicht die alleinige Schuld, auch wenn die angesprochene Änderung falsch und unnötig war und Aogo nach seiner Einwechslung gezeigt hat, dass er auf links die bessere Alternative von Anfang an gewesen wäre. Ebenso könnte man das Ergebnis positiv herausstellen, denn ein 0:3 ist für den HSV nach der Vorstellung noch sehr, sehr schmeichelhaft und sie können sich bei den Hoffenheimern bedanken, dass Rangnik sie soweit hat, dass sie sich, wie in der zweiten Halbzeit geschehen, auch mal zurücklehnen können, um Kräfte für das nächste Spiel gegen Bochum zu schonen, aber trotzdem bin ich enttäuscht.
Jetzt kommen natürlich wieder die Leute, die sagen, dass es doch ein toller Saisonstart war und vieles auch gut ist, diese Weißseher! Bedenkt man aber, dass wir einige der Spiele recht glücklich gewonnen haben und nur soweit oben stehen, weil bis auf Hoffenheim, die zumindest gegen Bremen noch mit viel Pech verloren haben, keiner stabil ist, so relativiert sich der gute Start und so kommt es am Mittwoch zum Duell zweier instabiler Teams, d.h. Stuttgart kommt nach Hamburg.
Was möchte uns der Autor dieser Zeilen noch sagen?
Zum einen möchte ich auf das Leid hinweisen, das ich gestern erlebt habe, zum anderen aber auch an die Spieler und einem Mehr an Selbsteinschätzung appellieren, denn diese muss nicht nur Frings, Ballack und Kuranyi wieder beigebracht werden, sondern auch den HSV-Spielern, die immer schon auf die Meisterschaft schielen. Ich habe vor der Saison gesagt, dass mehr als ein UEFA-Cup-Platz nicht drin ist und werde am Ende mal wieder recht behalten müssen, obwohl ich das gar nicht will.
Noch ein kleiner Tip an die von mir sehr gehassten Bremer: Euer Problem liegt nicht primär in der Abwehr, sondern seit Jahren im langsamsten defensiven Mittlefeld Europas namens Baumann und Frings….
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Krachkeks-Kolumne Folge 43 "Popkomm 2008"
veröffentlicht am 13. Oktober 2008 von Jörg
In der letzten Woche begab ich mich zum 15. Mal (kleines Geprahle…) auf die Branchenmesse “Popkomm” und ich kenne viele Leute, die einfach generell die populistische Meinung vertreten, dass “die Popkomm doch scheiße ist”. Diesem kann und möchte ich mich per se nicht anschließen, denn zum einen ist diese Pauschalierung doch etwas platt und zum anderen sollte jeder sich selbst überlegen, wie er seinen Besuch gestaltet, denn das eine oder andere Treffen vereinbaren, mit Freunden essen gehen und sich abends noch Bands anschauen, klingt doch gar nicht schlecht, oder?
Nun also 2008 und anfangen möchte ich mal mit dem Musikprogramm, denn dieses sollte ja irgendwie auch im Vordergrund stehen. Was sich in den letzten Jahren bereits angedeutet hat, fand in diesem Jahr seinen negativen Höhepunkt und so stelle ich fest, dass das Reeperbahnfestival von der Auswahl der Bands schon jetzt einen großen Schritt vor der Popkomm liegt. Vielleicht hängt damit auch der Fakt zusammen, dass nur wenige Konzerte richtig voll waren, man denke da nur an den unsäglichen Visions-Abend, aber Bands wie Ghost Of Tom Joad, Sport, Herrenmagazin oder Tomte sind ein Genickschlag für jeden, der Überraschungen mag. Leider war auch der City Slang-Abend eher mittelprächtig besucht und ich durfte feststellen, dass Port O’Brien auf Platte besser sind, O’Death eine prollige US-Folk-Kapelle mit recht begrenztem Können und Get Well Soon live den Stock im Arsch einfach nicht los werden.
Jetzt noch kurz zur Messe, denn diese Trieb mir Tränen der Melancholie ins Gesicht. Ich bin bestimmt kein Mensch, der überfüllte Veranstaltungen mag, aber dass ich gefühlte 4.000 qm nur für mich hatte, war des Guten einfach zu viel. Klar, ich war am Freitag da und Donnerstag ist meistens mehr los, aber mir haben Leute bestätigt, dass es da zwar besser, aber noch lange nicht gut aussah, was die Besucherzahl angeht. Da ich Teil dieser Branche bin, liegt mir jegliche Schadenfreude fern und die einsamen Menschen an ihren Ständen fragen sich bestimmt, warum sie das machen und ob es im nächsten Jahr nochmals erfolgen soll.
Darum eine kleine Bitte an die Popkomm-Betreiber: Denkt bitte mal über konzeptionelle Veränderungen nach! Klar ist die Entwicklung, dass die größten Stände den Export-Offices aus Finnland, Österreich, Schweden, Holland, etc. gehören, nicht neu und es ist auch toll, wenn sich “viele” Menschen aus diesen Ländern in Berlin einfinden, aber die hiesige Musikszene war kaum zu sehen und Indie-Labels noch viel weniger. Tapete und Southern müssen sich im bescheuerten “Label Camp” sehr einsam vorgekommen sein, oder?
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