Benedict Wells - Spinner
veröffentlicht am 5. September 2009 von Jörg
Nur allzu selten geht es hier um Bücher und das ist eigentlich eine Schande, aber das liegt mitnichten daran, dass der Rezensent hier wenig liest, sondern viel eher, dass der Gedanke über Bücher zu schreiben noch viel schräger ist als über Platten zu schreiben.
Da es aber in unserem Lande nur sehr wenige, mir bekannte “Nachwuchsliteraten” gibt, die es wert sind, erwähnt zu werden, ist es um so wichtiger diese raren Exemplare entsprechend zu würdigen. Dieses gilt fast uneingeschränkt für den 25-jährigen Benedict Wells, der im letzten Jahr mit “Becks letzter Sommer” ein beachtliches Debüt hinlegen konnte und nun den Nachfolger “Spinner” unter das Lesevolk bringt.
Dass in fast jedem Buch auch Autobiographisches steckt, ist kein Geheimnis, nur wissen wir meist nicht, wie sich die Grenzen ziehen, da man eher selten den Autor zu nah an sich ranlässt und diese Spezies meist nur in Ausnahmen zu seinem Freundeskreis gehört, obwohl doch heute fast jeder die Vision hegt, ein Buch zu schreiben und vielleicht noch den Größenwahn sein eigen nennt, dass da draußen jemand genau auf jenes wartet.
“Spinner” ist Jesper Lier, 20 Jahre alt und Scheinstudent im Moloch der kreativ Gescheiterten, besser bekannt als Berlin. Zum Glück ist das Buch aber weder ein Loblied auf, noch eine Hass-Tirade über die Stadt, denn diese spielt eine gesunde Nebenrolle. Lier macht sich das leben mit seinen Freunden Gustav und Frank alles andere als leicht und natürlich ist dies ein Buch über das Erwachsenwerden und den damit verbundenen Fragen und vermeintlichen Helfern wie Alkohol und Zynismus, die dann doch nicht immer die besten Begleiter sind. Die tragische Beziehung zum One-Night-Stand Miriam – “ich liebe die Frauen, aber sie mich nicht”, das Praktikum bei einer Berliner Tageszeitung, die Fertigstellung eines viel, viel zu langen Buches namens “der Leidensgenosse” samt späterer Verbrennung und Demütigung sowie das Dahinvegetieren in einer versifften Souterrain-Wohnung schildert Wells in unglaublicher Weise.
Tempo, Emotionen, Wendungen und großartige Formulierungen scheinen ihm leicht von der Hand zu gehen und so sehr es hier um Jugendliche geht, so entdeckt jeder etwas von sich und kann die eine oder andere Träne vergiessen, ohne sich zu schämen. Dabei versteckt er dann sogar ein paar weise Philosophien in zitierfähige Sätze, von denen ich drei unbedingt erwähnen muss:
“Es ist immer besser, etwas zu bereuen, was man getan hat, als etwas, was man nicht getan hat.”
“Biehler meinte, die Musik wäre früher besser gewesen. Aber nichts war früher besser, dachte ich, gar nichts. Er war damals nur jünger.”
“Doch es gibt Fehler, die notwendig sind. Manchmal muss man ein kleines bisschen sterben, um wieder ein wenig mehr zu leben.”
Seit “Spinner” kann ich zumindest sagen, dass ich mit Spannung auf das neue Werk von Wells warte und ihn sogar als einen der wenigen deutschen Hoffnungen am Literatenhimmel sehe und somit nur hoffen kann, dass er nicht in Klischees verfällt und sich nie vor seiner Leidenschaft ängstigt. (Diogenes)
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Benedict Wells - Becks letzter Sommer
veröffentlicht am 30. Oktober 2008 von Jörg
Es ist Herbst und so wird es mal wieder Zeit für ein paar Buchtips, denn immerhin gibt es mit der Veröffentlichungsflut auch eine Gemeinsamkeit mit der Musikbranche.
Der gerade mal 24-jährige Benedict Wells debütiert mit “Becks letzter Sommer” auf eine mehr als frische Art und Weise und auch wenn man das Buch natürlich unter der Rubrik “Pop-Literatur” ablegen könnte, so verbindet er in bester Weise Ironie und Melancholie mit einer so realistischen Geschichte, dass jeder sich selbst immer mal wieder in den 450 Seiten findet.
Hauptfigur ist der Musiklehrer Robert Beck, der nicht nur als Musiker selbst gescheitert ist, dem eine gewisse Lethargie innewohnt und der sich im gleichen Alter befindet wie der Autro dieser Kritik….
So verschreibt er sich mit der Förderung seines 17-jährigen Schülers Rauli einem Traum, den er früher selber gerne gelebt hätte. Rauli ist ein Außenseiter, dessen musikalisches Talent Beck entdeckt und das wesentlich ausgeprägter ist als sein eigenes je war. Um so verzweifelter versucht er nun, Rauli als Manager zu fördern, um doch noch sein eigenes Stück Ruhm zu erhalten.
Das gestaltet sich, oh Wunder, aber etwas schwierig, denn Rauli hat nicht nur etwas schwierige Familienverhältnisse, lügt wie gedruckt und zeigt Beck oft genug das eigene Versagen auf, er birgt auch noch andere Geheimnisse. Daneben spielt die Kellnerin Lara eine tragende und sympathische Rolle und hat es als Becks Freundin bestimmt nie leicht und man möchte Beck in vielen Situationen einfach nur anschreien und “aufwachen” entgegnen, denn der Leser verliebt sich schon fast selbst in Lara.
Der nicht immer schlaue Deutschafrikaner Charlie, der sich mit Rauli und Beck auf eine Odyssee gen Osten begibt, vollendet dieses filmreife Quartett an Hauptpersonen, die “Becks letzter Sommer” zur einer intelligenten und amüsanten Reise von Leichtigkeit bis Selbstzweifel machen.
Mit diesem Debüt zeigt sich eine neue Hoffnung am deutschen Nachwuchsliteratenhimmel (welch ein Wort!), die wirklich gut ist und wenn sich Benedict Wells diese Leichtigkeit des Schreibens bewahren kann, freue ich mich schon auf den Nachfolger von “Becks letzter Sommer”. (Diogenes)
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John Niven - Kill Your Friends
veröffentlicht am 16. April 2008 von Jörg
Es ist ja immer so eine Sache mit der so genannten „Pop-Literatur“, denn natürlich ist dieses Genre sehr spannend, was aus meiner subjektiven Sicht dem Umstand geschuldet sein mag, dass ich halt Teil dieser Branche seit 15 Jahren bin. Auf der anderen Seite ist das intellektuelle Niveau der Menschen und damit auch Schriftsteller selten als überdurchschnittlich zu bezeichnen. Jetzt kann man aber nicht wie beim Fußball sagen „je dümmer, umso mehr Tore!“, sondern sollte sich diesen Büchern ohne große Vorurteile versuchen anzunehmen.
In diesem Fall geht es um den Ex-A&R John Niven, der hier seine Erfahrungen in der britischen Musikbranche semi-biografisch zum Besten gibt. Hauptakteur bzw. alter Ego ist Steven Stelfox, der in seinem Job, neue Künstler zu entdecken, etwas überfordert scheint, denn der Nachschub an Hits will sich einfach nicht einstellen und das Koks vernebelt nicht nur seine Sinne, sondern lässt ihn immer mehr in eine Parallelwelt aus Sex, Gewalt und eben Drogen abdriften. Dies schildert Niven zum Teil in wirklich lustiger und leichter Art, so dass hier und da ein Schmunzeln kaum zu vermeiden ist. Klar überhöht er vieles und lässt die Musikbranche wesentlich älter und schlechter aussehen als sie ist, aber das ist legitim und nur logisch.
Allerdings driften Niven und Stelfox immer mehr ab und man fühlt sich bei derartig überhöhter Fäkalliteratur schnell an Bret Easton Ellis erinnert, wobei diese Erinnerung fast zu einer bloßen Kopie seines Bestsellers „American Psycho“ verkommt und das macht mich wütend und ärgerlich. Vor allem auch, weil die Kritiker da draußen dieses Buch für ein derartiges Plagiat auch noch loben bzw. gar nicht merken, dass hier vieles einfach in eigenen Worten abgeschrieben wurde. So hält Bela B. es doch glatt für das Buch des Jahres – vielleicht weil er eh nur ein Buch pro Jahr liest?
John Niven sorgt nicht gerade für eine Verbesserung des Images der Musikbranche, indem Stelfox sogar zu einem Killer mutiert und auf übelste Weise das Leben in der Musikbranche ins Extreme treibt. Allerdings bedient er jegliche Klischees und treibt sie auf die Spitze: Chauvinismus, Drogenkonsum, Sexismus, Gewalt, Oberflächlichkeit – immer hat man hier das etwas bittere Gefühl, dass Niven selbst sein Buch zu langweilig erschien, weshalb er alle Gipfel des Hedonismus um sich scharte, um aus “Kill Your Friends” etwas Besseres zu machen, womit er zwar nicht auf ganzer Linie gescheitert ist, aber etwas mehr Eigenständigkeit (dies kritisieren A&R`s auch sehr gerne und zurecht an den Künstern!) hätte seinem Werk schon gut getan.
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Nick Hornby - Slam
veröffentlicht am 13. Februar 2008 von Jörg
Irgendwie macht sich bei mir immer Freude breit, wenn es ein neues Buch des 50-jährigen “Kult”-Autors Nick Hornby zu entdecken gilt. Dies liegt sicher daran, dass er einen lockeren, lustigen und häufig ironischen Schreibstil hat, wie ihm deutschen Popliteraten doch leider nicht im Blute liegt.
Klar gab es im literarischen Schaffen von Nick Hornby immer Aufs und Abs und sein letztes Werk “Long Way Down” hätte etwas Warnung sein können, denn dieses zählt sicher zu seinen besten Büchern und oftmals schürt das dann die Erwartungen auf das nächste, welches diesen dann selten gerecht werden kann.
Nun also “Slam”, was hier keineswegs eine Nähe zu Poetry-Slam suggerieren soll, denn Slam ist lediglich eine Skateboardübung und damit wären wir schon mitten im Leben der Hauptfigur Sam, der als 15-jähriger Schüler dem leichten Leben entzogen wird, da er eine kurze Liason mit Alicia eingeht, die eigentlich eine Klasse über ihm spielt. Seine erste große Liebe war dann auch keine lange, aber aus dieser resultiert, wir ahnen es schon, eine ungewollte Schwangerschaft.
Hier nimmt sich der Autor einem in England sehr weit verbreiteten Phänomen an, denn das doch oft als etwas spießig geltende Königreich liegt bei ungewollten (!) Teenager-Schwangerschaften klar vorne im europäischen Vergleich und schafft damit endlich mal wieder etwas, für das sie im Fußball nicht mehr sorgen…
Der beste Ratgeber von Sam und seinen Lebensfragen ist allerdings nicht seine 32-jährige Mutter, die hier doch eigentlich eine gute Ansprechpartnerin wäre, sondern Tony Hawk, der wohl berühmteste Skateboarder der Welt, der ihm in Form eines Posters gegenüber tritt. Nick Hornby versteht es, sich Sams Sicht in leichtfüßiger Schreibweise anzunehmen und uns dessen Unsicherheit und oftmals unverständliche Reaktionsweisen aufzuzeigen.
Allerdings gerät “Slam” doch in vielen Momenten einfach zu flach und zählt sprachlich sicher nicht zu Hornbys besten Werken. Dies gipfelt dann in vermeintlichen Sprüngen in Sams Zukunft, bei denen sich der Leser fragt, was er damit bezwecken möchte. Fast hat man das Gefühl, dass der Autor das Gefühl hatte, hier müsse noch eine zweite Ebene eingebaut werden, um es interessanter zu machen. Vielleicht hat er da sogar recht, aber hier geht diese Ebene leider nach hinten los.
Komisch, dass “Slam” in den Medien überall gelobt wird, aber oftmals steht da wohl eher der Sympathiker Hornby im Vordergrund als seine Bücher. Natürlich verzeihe auch ich ihm mal ein schwächeres Buch, denn das ist “Slam” leider in jedem Fall.
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J.R. Moehringer - Tender Bar
veröffentlicht am 3. Mai 2007 von Jörg
Eigentlich sollen im Rahmen von “About Songs” natürlich eher Bücher besprochen werden, die einen Bezug zu Musik haben bzw. wo Musik eine große Rolle spielt. Da es so viele, vor allem gute, Bücher da aber nicht gibt und ihr nicht denken sollt, dass ich gar nicht lese, folgen nun mal wieder ein paar warme Worte zu einem wirklich guten Buch.
“Tender Bar” ist dabei bei weitem kein Geheimtipp mehr, sondern wurde u.a. von der New York Times zum besten Buch des Jahres 2006 gewählt. Der Einstieg fällt dann mal etwas behäbig und langatmig aus und so dachte ich, mal wieder ein Buch, dass den Vorschusslorbeeren nicht gerecht werden kann. Die ersten 120 Seiten gilt es also zu überstehen, was jetzt nicht falsch verstanden werden darf, denn so schlimm ist es natürlich nicht.
In “Tender Bar” geht es naheliegender Weise um eine Bar und besonders um den Hauptdarsteller JR, denn für ihn wird das Publicans, so der Name der Bar im Großteil des Buches (vorher das “Dickens” nach Onkel Charles…), zu DEM Lebensmittlepunkt und seine Anwesenheit gipfelt quasi in einer Sucht. Diese Bar liegt in Manhasset, New York und steht exemplarisch für unzählige Bars gleicher Coleur mit ihrem warmen, etwas romantisierenden Ambiente und den skurilen Typen, die JR im Laufe der Zeit zu lieben lernt. Dass ein 12-jähriger Junge diese Bar als Mittelpunkt betrachtet, liegt vor allem an Onkel Charly, der eben da arbeitet und den der Junge gerne um sich hat.
“Tender Bar” schildert das Leben von JR mit all seinen Höhen und Tiefen, der Liebe, der Beziehung zu seiner Mutter, der Nichtbeziehung zu seinem Vater, dem Studium in Yale, etc. – eben alles, was man in einem Leben so erlebt. Die einzige Konstante ist natürlich die Bar selber mit seinen “Einwohnern”.
Wirklich GROSS ist besonders der Mittelteil des Buches, denn da arbeitet JR gerade in einem Buchladen, deren Betreiber Bill und Bud sich selber nicht in den Laden trauen, sondern einfach hinten, weit ab von Banalem wie Kunden, ununterbrochen lesen. Sie geben JR natürlich Ratschläge für die weite Yale-Welt, ohne selber je viel erlebt zu haben. Sie nehmen Anteil und die Botschaft, die mich zu Tränen gerührt hat, drückt der folgende Dialog aus:
“Wir glauben nur, es gibt ein paar Dinge, auf die du nicht vorbereitet bist.”
“Zum Beispiel?”
“Desillusionierung”
“Ich dachte, ihr würdet Alkohol und Drogen sagen. Oder Mädchen. Oder reiche Studenten. Oder fiese Professoren. Aber – Desillusionierung?”
“DESSILLUSIONIERUNG ist gefährlicher als alle diese Dinge zuammengenommen!”
Desillusionierung…... ich zumindest kann dem nur zustimmen.
Wieviel Autobiografisches diesem Buche innewohnt, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber da die Hauptperson JR heißt und der Autor ebenso und beide in Yale studiert haben, gibt mir das ein Gefühl, als hätte J.R. Moehringen auch über sein eigenes Leben geschrieben. “Tender Bar” kann auf jeden Fall mit Jonathan Franzens “Korrekturen” mithalten und hat verdientermaßen den Pullitzer-Preis gewonnen.
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