Krachkeks-Kolumne Folge 37 "kritiklose Kritiker"
veröffentlicht am 29. April 2008 von Jörg
Wie jeden Monat blättere ich durch diverse Musikmagazine, um mich zu informieren und mal zu schauen, welche Bands denn diesmal gefeatured werden und da es ja immer weniger „große“ Bands gibt, die Titelrelevanz haben, tummeln sich da auch immer die selben Nasen und Gesichter. Dass wir Deutschen ja meist nicht sehr mutig sind, gilt natürlich besonders für den Musikjournalismus und ich kann es bisweilen verstehen, dass der Titel schließlich das Heft verkauft und eine Band wie Rogue Wave oder Band Of Horses dann halt nicht titelrelevant sind. Völlig ok mit mir, auch wenn zumindest ab und zu eine Überraschung erfrischend wäre.
Was mich allerdings wirklich nervt, ist die Tatsache, dass es immer Bands gibt, deren aktuelle Werke über den klischeebeladenen grünen Klee gelobt werden, auch wenn sie wenig inspirierend und langweilig oder bisweilen gar wirklich schlecht sind. Ihr wisst schon, um welche Kritikerlieblinge es da geht und um erstmal nur zwei Namen zu nennen, nehmen wir einfach The Notwist und Radiohead. Ich möchte hier jetzt nicht erklären, dass die neuen Alben schlecht sind, denn das wäre gelogen. Allerdings sind beide Alben auch nicht wirklich gut, nur darf man das nicht schreiben, da man dann vielleicht alleine im Musikjournalistenwald steht und da besonders die Musikschreiber zu der eher ängstlichen Spezies Mensch zählen, möchten diese natürlich nicht alleine im Wald stehen, da er ist kalt, dunkel und gefährlich.
Warum erwähnt denn keiner, dass das neue The Notwist-Album völlig ok ist, die Songs aber weder überraschen noch qualitativ an „Neon Golden“ heranreichen? Angst, dass einen die nicht mehr ganz jungen Weilheimer erschlagen? Angst, dass konkurrierende Musikjournalisten andere Meinungen vertreten? Angst, dass einem jegliche Kompetenz abgesprochen wird? Angst, dass ihr Label City Slang böse wird und keine Anzeigen mehr schaltet? Angst, dass man vielleicht zu alt geworden ist oder gar Angst, eine der wenigen guten deutschen Bands mit Dreck zu beschmeissen?
Diese Angst macht keinen Sinn, denn was sollte eine als intelligent geltende Band gegen Kritik haben, so sie diese denn überhaupt liest? Musik hat, wie wir alle wissen, viel mit Subjektivität zu tun, d.h. ein Musikjournalist soll da gefälligst auch so rangehen, wie es seiner persönlichen Empfindung entspricht und sich nicht von außen beeinflussen lassen, denn genau dies ist das Interessante an Musikkritik. Vielmehr gestaltet sich die Realität aber so, dass in jedem Magazin unreflektierte Lobeshymnen ausgeschüttet werden, weil man Radiohead oder The Notwist scheinbar nur positiv kritisieren darf. Vielleicht fällt euch ja noch die eine oder andere Band ein, die scheinbar über jeden Zweifel erhaben ist und niemals mit kritischen Worten bedacht werden darf….
Kategorie: Krachkeks Kolumne
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Änz am 30. April 2008, 16:49
Vielleicht ist es auch nur Angst, neben Hören und Sichten von ganz banaler Musik, die nicht toll aber auch nicht mies ist, eine Band wie Radiohead oder The Notwist in diese Schublade zu stecken? The Notwist auf gleichem Level wie eine X-Beliebige Produktion? Kritiken sind ne schwierige Sache, man will ja meist was kritisieren, was man kennt (dann wirds nen Tick einfacher) und wenn man die Musik sogar noch mag, ist ruckzuck aus einem Lalala-Album ein saustarkes geworden.
lost sound am 2. Mai 2008, 02:50
Die neue Notwist hat im Rolling stone nur 3 Sterne bekommen. Hast du dir überhaupt die Mühe gemacht alle Magazine zu durchforsten?
Devil-Jörg am 2. Mai 2008, 11:26
na, ist da wieder ein deutscher Erbsenzähler unterwegs? Klar habe ich mir alle verfügbaren Magazine, Tageszeitungen und Online-Ausdrucke besorgt, ein statistisches Mittel gebildet und dann gesehen, dass die Ausnahme, die die Regel bestätigt, wirkliche nur eine Ausnahme war, die statistisch nicht relevant war.
El-Raudi (Marc) am 2. Mai 2008, 13:38
Das Problem des Musikjournalismus geht doch noch viel weiter. Bei den meisten kostenpflichtigen Publikationen hat man den Eindruck, es wird nur wiedergekäut, was mundgerecht in Promo-Waschzetteln (in blumigen und hochjazzenden Worten) an die Musik-Journaille verschickt wird.
Mal ehrlich, es interessiert doch nicht wirklich, ob Künstler XY mit seinem neuen Album via myspace oder musical express als das nächste große Ding abgefeiert werden oder wahlweise “goldstatus” in Norwegen haben.
Ich vermisse und erwarte als musikbegeisterter Mensch, Geschichten, die über den berühmten Tellerrand hinausweisen: Musikrezeption in Zeiten digitaler Medien, Künstler und Alben in einen gesellschaftlichen Kontext stellen (das mag jetzt sehr theoretisch klingen – wurde aberfrüher (als Redakteure noch Zeit bekamen eine Geschichte zu recherchieren) häufig gemacht. Eine wohltuende Ausnahme stellt die Spex dar, die zumindest versucht, keinen reinen Werbejournalismus zu veröffentlichen.
Ich will aber hier nicht rumjammern, da heutzutage Musik für die meisten Heranwachsenden eine andere Bedeutung hat. Allerdings tragen hierzu die Medien inkl. der Musikjournalisten einen nicht zu unterschätzenden Anteil bei.
Ronny am 2. Mai 2008, 16:50
Ihr erwartet viel zu viel von den Musikkritikern der anzeigenfinanzierten Presse. Da eine Meinung ja nie richtig oder falsch sein kann, ist die beste Kritik immer noch die ehrliche Meinung. Und diese wiederum setzt eine gewisse Unabhängigkeit vorraus. Aber wenn die Einnahmen durch die Leserschaft im Verhältnis zu den Anzeigeneinnahmen der Industrie nunmal nicht sooo relevant sind, dann muss man sich nicht wundern wenn
a) weniger Redakteure in immer kürzerer Zeit sich für die Bands der Anzeigenkunden xy einen Text unter Inspiration der erwünschten Presseinfos ausdenken müssen
b) es einfach gewisse Interessenkonflikte gibt. Der anzeigenfinanzierte Musikkritiker gehört nunmal zur Industrie. Und diese wiederum soll sich selbst bewerten? Es kann nur mit einem (sehr teurem) Qualitätsjournalismus gehen, der auch, aber nicht hauptsächlich von den Anzeigen lebt. Doch ist das Interesse an Musik ja noch nichtmal groß genug, um überhaupt Platten zu verkaufen, geschweige denn eine solche Intensivliteratur.
Alternativ dazu bieten sich natürlich verschiedene unabhängige Onlineplattformen an, in denen über neue Platten berichtet wird. Da eine richtig gute zu finden ist nicht unmöglich, aber eben wie die Suche nach nem richtig guten Plattenladen. Es dauert.
Abgesehen davon ist mit “in Rainbows” das Beispiel für übertrieben positive Kritik nicht gut gewählt. Ich gehe mal davon aus, dass in diesem Falle die meisten Leute es einfach wirklich gut finden. Mich eingeschlossen.
Gruß Ron vom Mars