Scout Niblett - This Fool Can Die Now
veröffentlicht am 30. November 2007 von Jörg
Mit Frauen und Musik ist das ja immer so eine Sache, oder? Ja, die einen werfen mir jetzt wieder Chauvinismus vor, die anderen stimmen in den Kanon mit ein. Mir kommen nun mal viel zu viele Sängerinnen mit zu bravem Gesang daher und genau aus diesem Grunde geht es jetzt um Scout Niblett, der man das nun wirklich nicht vorwerfen kann.
Es gibt Stellen, da sträuben sich einem die Nackenhaare auf unruhige Weise, und diese gesanglichen Ausbrüche lassen einen sofort (na ja!) an Oskar aus der “Blechtrommel” denken. Dabei versteht es Scout Niblett auf ihrem bereits vierten Album “This Fool Can Die Now” ihre Stimme so variabel wie noch nie einzusetzen: mal ruhig und abwartend sowie melancholisch, dann etwas bedrohlicher werdend, dann die vermeintliche Wut nur noch herausschreiend. Gut so, denn nur “Blechtrommel”-Momente wären wohl etwas zu viel des Guten!
Schon im ersten, großartigen Song ‘Do You Want To Be Buried With My People’ merkt der geneigte Hörer, dass hier männliche Gesangsverstärkung am Start ist. Die Stimme gehört keinem geringeren als Bonnie ‘Prince’ Billy oder auch Will Oldham genannt, und diese wunderbaren Duette – es gibt insgesamt vier auf dem Album – zählen zu den besten und intimsten der jüngeren Musikgeschichte.
Mit dem zweiten Song und zweiten Duett namens ‘Kiss’ ist schon einer der absoluten Höhepunkte erreicht. Hier ist nicht nur der dramatische Aufbau des Songs zu nennen, sondern die mehr als passende Produktion, bei der alle Instrumente klar und eigen klingen. Für eben diese war Mr. Steve Albini zuständig, der ja für sehr unterschiedliche Künstler gerarbeitet hat, aber hier mal wieder zeigt, wo seine Stärken liegen: kein Bombast und doch fett, emotional und organisch, dann wieder reduziert und raum-wie luftlassend. Außerdem darf das Schlagzeug auch mal ganz bewusst rumpeln wie bei ‘Moon Lake’.
Bei den nächsten beiden Songs holt Scout dann mal kurz das Grunge-Brett raus, bevor sie sich selbst mit ‘Black Hearted Queen’ Tribut zollt, denn genau das ist sie! ‘River Of No Return’, wieder im Duett mit Herrn Billy, huldigt dann eine andere Dame namens Marliyn Monroe, denn genau diese hat diese Ballade früher gesungen, wenn auch nicht so schön wie hier.
‘Nevada’ ist dagegen ein Monster, denn schön und süß geht anders. Hier schreit uns die Dame des Hauses klagende Worte ins Gesicht, die, unterlegt mit harten Riffs und ebensolchem Schlagzeug, sicher weniger dazu führen, ihr in einem schlechtgelaunten Moment zu begegnen. Bei ‘Baby Emma’ geht sie dann stimmlich wieder an ihre hohen Grenzen und singt davon, wie nutzlos sie ist. Wäre schön, wenn ein paar andere Frauen auch diese Einsichtsfähigkeit hätten. Markerschütternd!
‘Yummy’ und ‘Dinosaur Egg’ kommen dann als verdiente Verschnaufpausen daher, wobei vor allem letzterer zu den Favoriten zählt – “Torture Spirit” halt.
Nun geht dieses intensive Album mit dem reduziert anfangenden ‘Hide And Seek’ seinem Ende entgegen, bevor nochmals alles rausgeroz/ckt wird. Bonnie ‘Prince’ Billy meldet sich auf dem Van Morrison – Cover ‘Comfort You’ zum letzten Mal zu Wort und die Piano-Ballade ‘Fishes And Honey’ beschließt es und lässt und etwas verstört, aber mehr als begeistert mit unseren Impressionen und Gefühlen alleine zurück.
Britisch klingt das alles zum Glück überhaupt nicht und vielleicht ist Scout Niblett aus genau diesem Grunde in die neue Musikhauptstadt Portland gezogen. Wir wissen es nicht genau, aber was wir wissen und hiermit kundtun, ist die Anwesenheit der Lady für ein paar Shows. Ich bin sehr gespannt, ob ihre Stimme live Gläser zum zerbersten bringen wird. (Too Pure)
01.12. München – “Bavarian Open Festival”, 02.12. A-Wien – Chelsea, 04.12. Leipzig – UT Connewitz, 05.12. Berlin – Lido, 10.12. Hamburg – Übel&Gefährlich, 12.12. Köln – Gebäude 9
Kategorie: About Albums
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Okkervil River - Knust (Hamburg)
veröffentlicht am 28. November 2007 von Jörg
Es ist noch gar nicht so lange her, da haben Okkervil River an gleicher Stelle ein tolles Konzert vor etwa 100 Leuten gegeben und ihr grandioses Album “Black Sheep Boy” war gerade wiederveröffentlicht worden. Doch irgendwie war diesmal alles anders.
Die Menge hatte sich mehr als verdreifacht, das neue Album “The Stage Names” wurde in hiesigen Musikmagazinen abgefeiert und die Show ist wesentlich mehr Rock`n`Roll als es die im Zeichen der Melancholie stehende letzte Show war. Dass das neue Album sehr viel positiver und tanzbarer ausgefallen ist, wurde hier an anderer Stelle ja bereits erwähnt und schlug sich auch auf das verblüffend junge Publikum nieder.
Julie Doiron sollte man vorab noch kurz erwähnen, denn der Sarah Kuttner-Lookalike machte seine Sache als Support mit Drummer ganz ok, zu mehr reichte es dann leider nicht. Allerdings hat sie für die letzten drei Songs den Platz mit dem Drummer, dessen Name mir leider nicht bekannt ist, getauscht, dieser nahm also Gitarre und Mikro, erzählte was über die Einöde seiner Heimat und war aus meiner Sicht und mit Julie als Backing-Sängerin um einiges besser – Blue Healer heißt die Band in voller Besetzung und ein Album gibt es noch nicht.
So, nun zurück zu den sechs Herren von Okkervil River, die so gut wie jeden Song des neuen Albums spielten und dabei sichtlich Spaß hatten, was vor allem für die beiden “Haupt mitglieder” Will Sheff (Gesang & Gitarre) und Travis Nelsen (Drums) galt. Insgesamt versammelte die Band gefühlte 20 Instrumente auf der Bühne, inkl. Schellenring, Trompete, Steel-Gitarre, Rasseln, Mandoline und den üblichen Verdächtigen.
Natürlich kamen mit der Hymne ‘For Real’, ‘Black’, ‘King And Queen’ oder als Zugabe dem ruhigen, solo kredenzten ‘A Stone’ auch viele Songs des Vorgängeralbums zur Aufführung, aber die Zeit davor wurde doch recht stiefmütterlich behandelt. Das wirklich erste Album verschweigen sie ja eh, aber als Sheff im Zugabenteil fragte, ob lieber ein neuer oder ein alter Song gewünscht wird, kam es doch noch dazu, dass immerhin ‘Red’ vom “Don`t Fall In Love With Everyone You See”-Album gespielt wurde.
Der 80-minütige Auftritt zählt sicherlich zum Besten, was es in diesem Jahr auf Hamburger Bühnen zu sehen gab und mein kleiner Wehrmutstropfen, dass die melancholische Seite der Band mit fehlenden Songs wie ‘Happy Hearts’ oder ‘So Come Back. I Am Waiting’ (ist übrigens auch auf “About Songs Volume 2” drauf!) etwas zu kurz kam, störte dann auch nicht wirklich.
Kategorie: About Shows
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About Songs im Doppelpack
veröffentlicht am 27. November 2007 von Jörg
Morgen ist wieder der letzte Mittwoch im Monat, so dass euch im Grünen Jäger wieder eine schöne Band erwartet. Diesmal sind es die Hamburger The Beauty Of OK, die der eine oder andere vielleicht schon als Support von Built To Spill gesehen hat.
Schon mal reinhören? AboutSongs@myspace
Außerdem gibt es morgen auch wie gewohnt “About Songs” auf Tide 96.0 (Kabel 95.45) oder hier – von 18-19 Uhr zu hören.
Die Playlist wie immer vorab, damit ihr wißt, was euch so erwartet:
PJ Harvey – Dear Darkness
The Beauty Of OK – Some Larger Epic
Maritime – Guns Of Navarone
Britta Persson – Winter Tour
The Kissaway Trail – Smother + Evil = Hurt
Windmill – Boarding Lounges
Beirut – Cliquot
The National – Fake Empire
Rogue Wave – Lake Michigan
Mr Brown – Undercover
The Electric Soft Parade – If That`s The Case, Then I Don`t…
Murder – When The Bees Are Sleeping
Scout Niblett – 12 Miles
Band Of Horses – Cigarettes, Wedding Bands
Natürlich auch wieder mit diversen Konzertankündigungen, denn in den nächsten zwei Wochen wäre es verlässig ein paar großartige Bands zu verpassen!
Kategorie: About Songs Club
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Krachkeks-Kolumne Folge 30 "re-united"
veröffentlicht am 26. November 2007 von Jörg
Wenn ich eine Band hätte, würde ich sie “Re-united” nennen, denn das hätte den Vorteil, dass der Name ständig in der Presse auftauchen würde. Dieser nicht ganz ernst gemeinte Marketing-Trick resultiert aus der Tatsache, dass uns eine Menge Bands mit ihren überflüssigen Reunions mal so richtig auf den Sack gehen.
Die Eagles haben nach 28 Jahren wieder ein Album veröffentlicht, das natürlich genau so klingt, als wären sie nie weg gewesen. The Jesus & Mary Chain arbeiten an einem neuen Album, das sich so anhören soll wie The Jesus & Mary Chain, ach! Genesis, The Police, Led Zeppelin (ok, vorerst nur für ein Konzert!), Smashing Pumpkins, Pixies, Dinosaur Jr., Duran Duran, Spice Girls und viele weitere Bands, die ich hier nicht alle aufzählen möchte.
Kann man diesen Bands einen Vorwurf machen? Sie werden älter, der Erfolg weniger und auch wenn die Tantiemen noch immer fliessen, so kann der häufig sehr hohe Lebensstadard doch nur schwer gehalten werden. Außerdem fehlt doch auch Ruhm und Anerkennung, denn zu Hause sitzt selten eine Horde von Fans vor der Tür, die einen immer noch jeden Tag zujubeln. Erfolg ist wie eine Droge, die man auf Dauer halt nicht vermissen mag.
Aus Bandsicht ist diese Entwicklung natürlich verwerflich and anklagbar, vor allem, weil doch keine dieser Band künstlerisch noch viel zu sagen hat. Wenn die kranken Medien da draußen sich dann wie die Hyänen auf diese ach so tollen Neuigkeiten stürzen, ist der nächste Schritt ins Unglück schon getan. Könnte sich nicht wenigstens der “Fan” oder “Endkonsument” diesem überflüssigen Phänomen verweigern und diese Zusammenführungen einfach ignorieren?
Klar könnte er das, aber damut würde man dem Mob einfach zuviel Eigenständigkeit und Niveau zutrauen. Außerdem haben viele dieser latenten Musikverachter nun mal ihre beste Zeit längst hinter sich und zufällig stammen die meisten dieser “Reunionsbands” genau aus der Zeit ihrer vermeintlichen Hochphase. Man ging viel aus, tanzte bis in den Morgen und hatte so richtig Spaß. Nun ist man träge, interessiert sich nicht mehr für neue Künstler und ihre Musik, hat eh ein paar Kilo zu viel auf der Hüfte und alles Neue ist einfach zu anstrengend.
Soll ich diesen geistig verarmten Menschen nicht vielleicht meinen Segen geben und sie sich einfach freuen lassen, dass ihre Lieblingsbands wieder zurück sind? NEIN! Vielmehr strafe ich sie mit Verachtung und Ignoranz, die sie natürlich nicht mal bemerken. Was gibt es für großartige Bands? White Rabbits, Delta Spirit, Band Of Horses und ca. 120 weitere, von denen der Mob nie etwas gehört hat und wahrscheinlich auch nie etwas hören wird. Macht mich das traurig? Irgendwie nicht, denn diese satte Brut des Konservatismus hat es einfach nicht besser verdient.
Allen anderen sei gesagt, geht raus, entdeckt neue Bands und ignoriert diese unsäglichen “wir brauchen wieder Geld”-Spielchen. Natürlich möchte ich nicht nur Ignoranz predigen, denn vielleicht gibt es unter all diesen “Reunions”-Bands auch die eine oder andere, die tatsächlich noch was zu sagen hat und ein gutes Album erschafft, aber auf diese Ausnahme muss man wohl noch warten, bis das nächste Beatles-Album in Originalbesetzung erscheint.
Kategorie: Krachkeks Kolumne
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Gravenhurst - Molotow (Hamburg)
veröffentlicht am 23. November 2007 von Jörg
Schon vorab kann ich sagen, dass man ein derartiges Konzert nicht alle Tage erlebt. Kaum kam ich, zugegeben etwas verspätet, die Treppen des Molotows runter, da bekamen Leute an der Kasse Geld in die Hand gedrückt und verließen enttäuscht den Ort des Geschehens. “Verrückte Welt” dachte ich, bis ich nach ein paar Metern den Grund erkannte. Der kleine, verrauchte Club war an diesem Abend nicht nur klein und verraucht, sondern vor allem über alle Maßen voll, so dass sich einige Leute schnell zum Rückzug entschlossen und halt das Geld an der Kasse zurück bekamen…
Der erste Schock war fast verdaut, aber da die Band gerade angefangen hatte, blieb kaum Zeit, sich aufzuregen und so war ein leicht sichtbehinderter Platz doch recht schnell erkämpft. Einen Support gab es nicht und so gehörte die Bühne Gravenhurst alleine und da man es in einem derartig vollen Konzert nie sehr lange aushalten kann, spielten sie ihre großartigsten Songs vom neuen Album “The Western Lands” gleich zu Anfang. Diese heißen ‘She Dances’, ‘Hollowman’, welches sie als ihre Hit-Single ankündigten, und ‘Trust’ und auch wenn sie nach jedem Song irgendein kleineres, technisches Problem hatten, hörte man die Eigenständigkeit und Fähigkeit von Nick Talbot und seinen drei Mitstreitern sofort raus.
Natürlich kredenzten sie auch Songs ihrer anderen drei Alben, vor allem des Vorgängers “Fires In Distant Buildings”, so dass man den Rangeleien um einen herum fast schon mit stoischer Gelassenheit begegnen konnte. Klar verließen mehr und mehr Menschen den Ort des Geschehens und soviel haben sie dann auch nicht verpasst, da die schwelgerische, melancholische und nachdenkliche Atmosphäre von Gravenhurst auf den Alben einfach besser zu erfühlen ist als live unter diesen Voraussetzungen.
Dazu kommt, dass die Band natürlich nicht unbedingt aus Charismatikern besteht, sondern eher aus Nachtschattengewächsen mit Kassengestellen, die man wohl mehr im IT-Bereich vermuten würde. Dagegen waren die Housemartins geradezu Überrocker!
Nun soll aber nicht verschwiegen werden, dass auch ich das Konzert nicht bis zum Ende durchstehen konnte, aber das lag nicht an Gravenhurst, die ich beim nächsten Mal in einem wunderschönen, bestuhlten Theater sehen und vor allem hören möchte.
Kategorie: About Shows
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