Jeremy Enigk "World Waits"
veröffentlicht am 22. Dezember 2006 von Jörg
Die Welt ist schlecht geworden! Es ist mehr als schwierig, das neue Album von Jeremy Enigk überhaupt zu finden. Ich bin durch diverse Hamburger Plattenläden gerannt und traurig war es, dass kein Laden dieses Album hatte, noch trauriger, dass einige ihn gar nicht (mehr) kannten. So musste ich auf die von mir nicht geliebten Amazon-Pfade vertrauen und das Album bestellen.
Nun soll es aber natürlich nicht um die Frage gehen, warum derartig tolle Künstler ihr Schaffen gar nicht mehr an die Leute bringen können, sondern um das zweite Solo-Album von Jeremy Enigk nach dem 1996 erschienenden „Return Of The Frog Queen“, welches eher experimentell war und mit der Schönheit und Musik von „World Waits“ nichts mehr zu tun hat.
Für die, denen Jeremy Enigk nichts sagt, sei erwähnt, dass er mit seiner großartigen Band Sunny Day Real Estate zum einen als Mitbegründer des Emo galt, zum anderen einfach bahnbrechende Alben wie „Diary“ oder „How It Feels To Be Something On“ gemacht hat. Sein letztes Lebenszeichen war die Band The Fire Theft, die es eigentlich auch noch geben soll und der neben Jeremy Enigk noch Basser Nate Mendel (Foo Fighters) und Drummer William Goldsmith (Ex-Foo Fighters) angehören. Übrigens waren sie live mit das Beste, was ich in den letzten Jahren sehen durfte. Das selbstbetitelte Debüt-Album von The Fire Theft erschien vor etwa drei Jahren und wenn man sein neues Solo-Album mit einem seiner bisherigen Werke vergleichen kann, dann am ehesten mit diesem.
„World Waits“ wurde mit einem Orchester eingespielt, welches so dezent agiert, dass es einen wunderschön warmen Mantel um die Stimme und Songs von Jeremy Enigk legt und ihn über allem schweben lässt. Der Mantel dient dabei quasi als Schutz, denn die Songs entbehren nicht einer gewissen Zerbrechlichkeit. Eine gewisse Opulenz war dem Meister dann auch noch nie fremd und hier auf seinem Solo-Werk lebt er sie aus wie noch nie.
Das schön bebilderte Booklet zeigt sehr stimmungsvolle, melancholische Bilder, die die Musik nicht besser visualisieren könnten und trotz des Mitwirkens vieler Musiker hat man doch immer das Gefühl, dass Jeremy Enigk ein einsamer Wolf ist, weshalb das Album vielleicht auch über sein eigenes Label Lewis Hollow Records erscheint. Songs wie ‚Been Here Before’, ‚Damien Dreams’ oder der Titeltrack ‚World Waits’ lösen eine Gänsehaut nach der anderen aus und sind es nicht derartige Alben, die einem den Glauben an die Kraft und Schönheit der Musik in all dem tristen Mainstream erst wieder spüren lassen? Vielleicht etwas wehmütig, aber dadurch nicht minder passend zu der Musik von „World Waits“, das natürlich zu einem der besten Alben des Jahres zählt.
Übrigens kann man Jeremy Enigk auch live als Support der eher durchschnittlichen Brand New sehen, zu deren doch jungen Sound die Erwachsenheit und Reife eines Jeremy Enigk nicht so recht passen mag. (Essential)
25.01. Berlin – 26.01. München – 01.02. Köln – 02.02. Hamburg
Kategorie: About Albums
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claudia am 3. Januar 2007, 18:52
hi hörg,
eine grandios passende rezession zu jeremy enigk’s wunderwerk. viel kann ich dazu nicht mehr schwärmen.
leider muss ich sagen, dass ich manchmal ganz froh bin, jeremy’s platte nicht in jeden laden sehen z müssen/können, bzw. er durch jegliche medien gehyped wird. wobei ich glaube, dass dies nich mehr lange dauern wird…
bleibt mir nur zu sagen: genüsslich anhören, zerfließen und zum konzert strömen.
Devil-Jörg am 4. Januar 2007, 10:46
wenn aber nicht mal wahre Fans das Album finden, tut mir der Künstler schon leid, dass er davon wahrscheinlich auch nicht wirklich leben kann.
Trotzdem freue ich mich über jeden Verbündeten im trüben Musikland Deutschland.
Lieben Gruß,
Jörg