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Veröffentlichung: 11.11.2011


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Roman Fischer im Molotow (Hamburg)



Dein erstes Album „Bigger Than Now“ wurde zwar wohlwollend aufgenommen, aber auch als „luftig & leicht“ bezeichnet. Das kann man vom neuen Album „Personare“ nicht wirklich behaupten – wie siehst du die Entwicklung? Ich glaube zwar, dass es vielen Leute auch mit dem ersten Album schwer fiel, mich zu begreifen, da die Songs schon recht unterschiedlich waren. Nun ist aber auch Klassik mit dazu gekommen. Das erste Album war halt so, wie ich mich in der Zeit fühlte, aber natürlich stehe ich mehr zum neuen Album und finde, dass das eher der Roman Fischer ist, wie ich mich sehe. Es ist schon erstaunlich, wie viel Distanz man zu seinem Album bekommt, da ich ja jetzt schon wieder an neuen Songs arbeite. Aber das ist ja auch das Spannende. Jeder Songs soll eine Welt sein, in die man eintauchen kann. Ich finde, dass der Schritt vom ersten zum zweiten Album ein wahrer Quantensprung ist. Das erste ist eher ein typisches, deutsches Pop-Album à la Readymade. Ja, das stimmt schon und das hat mir dann auch ein bisschen gestunken, dass ich in diese Ecke gestellt wurde. Ich glaube auch, dass die drei Jahre zwischen den beiden Alben mit großen Änderungen verbunden waren, persönlich wie musikalisch, und so extrem wird das in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr sein. Was sagst Du zu Vergleichen wie Coldplay, Keane oder auch A-Ha? Fühlst Du Dich geehrt, nervt das oder ist Dir das völlig egal? Viele nennen zunächst Maximilian Hecker, wo ich immer ein großes Fragezeichen im Gesicht habe, denn die Kopfstimme hat er bestimmt nicht erfunden. Ich schätze ihn zwar und die Leute brauchen ihre Schublade. Ich höre aber von vielen Leuten totale verschiedene Vergleiche und das beruhigt dann natürlich auch. Es werden aber selten amerikanische Bands oder Songwriter als Vergleich genannt, oder? Doch schon, aber das sind dann meistens Bands, die ich nicht kenne. Ich höre zur Zeit halt auch viel Klassik. Zu Zeiten von „Bigger Than Now“ kannte ich noch gar nicht so viele Sachen, aber in den letzten Jahren habe ich für mich schon viel Neues wie Sonic Youth oder Dinosaur Jr. entdeckt. Zunächst fand ich Placebo zum Beispiel super, aber als ich Dinosaur Jr. Gehört habe, wurde mir bewusst, dass Placebo ja auch von anderen Bands wie dieser beeinflusst wurden. Diese Stammbäume finde ich sehr interessant, aber deutsche Sachen höre ich immer weniger. Jeff Buckley höre ich sehr gerne. Glaubst du eigentlich, dass diese Vergleiche, die ja nicht von ungefähr kommen, irgendwie unbewusst tatsächlich in deine Musik Einzug gefunden haben? Ja, auf jeden Fall. In ‚We See’ habe ich zum Beispiel unbewusst Chopin mit eingebaut, war mir letztlich meine Mutter gesagt hat. Ich komme aus einer klassischen Familie, konnte damit aber bis zu meinem Auszug nichts anfangen, War wohl eine Art Rebellentum. Meine Mutter meinte, dass sie viele Konzerte gespielt hat, als sie mich in ihrem Bauch trug und dabei auch viel Chopin, so dass ich glaube, dass dies unbewusst in meine Musik eingeflossen ist. Muse haben halt mehr Wagner gehört und ich sicher mehr Bach. Aber wie siehst du das denn live? Du spielst hier ja im Molotow in „klassischer“ Indie-Besetzung. Macht da ein bestuhltes Theater nicht Sinn? Das haben wir schon gemacht, aber letztlich ist es ja doch Pop-Musik und dabei auch tanzbar und so macht ein normaler Club auch wieder Sinn. Ich versuche diese Welt aber für mich musikalisch durch andere Elemente zu bereichern. Nimm als Beispiel Mando Diao, was die machen ist nun überhaupt nichts Neues, nur kennt das die junge Generation halt nicht aus den 70er oder 80er Jahren. Das finde ich dann wieder schade. Ich habe da aber gar nicht weiter drüber nachgedacht. Aber die A&R-Struktur in Deutschland ist ja auch so, dass eher Bands eine Chance gegeben wird, die sich anhört wie eine Band, die gerade Erfolg hat. Fehlt den Bands und Künstlern hier nicht vielmehr eine Art Selbstbewusstsein, andere Sachen zu probieren? Ich glaube schon, dass es da einige Bands gibt. Zum Beispiel Warren Suicide aus Berlin, die gerade erfolgreich sind und wirklich was Eigenes machen. Aber den meisten fehlt schon der Mut. Ich hoffe, dass dieser Deutsch-Pop-Hype auch bald vorbei ist und die Leute wieder mal was anderes hören wollen. Leider werden auch deutsche Bands finanziell nicht so unterstützt wie in anderen Ländern und vielleicht fehlt dadurch auch ein bisschen der Mut. Ich glaube, dass es den Deutschen meist nicht wirklich um die Musik geht. Wie bei Tomte, wo halt ein Meinungsmacher in der Band ist und sich die Leute eher damit identifizieren als mit der Musik selbst. Es geht eher um den Gaudi-Faktor und das Nahbare. Ich bin aber eher ein Fan des Unnahbaren oder Mystischen. Es muss nicht immer greifbar sein. Ich habe das Gefühl, dass die Engländer nicht so auf die Sprache achten. Ich habe gelesen, dass Du mit dem neuen Album an Deine Grenzen gegangen bist und in den letzten Jahren fast an nichts anderem gearbeitet hast. Stimmt das? Im Gegensatz zu „Bigger Than Now“ hatte ich die Schule ja fertig und konnte mir meine Zeit daher selbst einteilen, was Nebenjobs betraf. Dazu kam meine erste große Liebe, was mir auch sehr viel Kraft gegeben hat. Natürlich habe ich jetzt nicht nur zu Hause rumgehangen und sonst nichts gemacht. Ich war auch zwischendurch auf Tour, habe irgendwelche Jobs gemacht, etc.. Aber natürlich war die Entstehung von „Personare“ trotzdem ein sehr aufwendiger Prozess für mich. Man ist ja auch nie zufrieden und wird daher schwer mal fertig. Vielleicht habe ich da auch etwas übertrieben. Es braucht nicht nur Arbeit, denn die Inspiration ist immens wichtig. Ich kenne Bands, die arbeiten nur, aber scheinbar fehlt denen das Talent und sie sind trotzdem langweilig. Ich habe mich viel mit anderen Leuten, Filme und anderen Dingen beschäftig, um mich einfach nur inspirieren zu lassen. War das vielleicht das Positive, auf einem kleinen Label „Blickpunkt Pop“ zu sein, da dort der Druck sicher nicht so groß ist und dir die nötige Zeit gegeben wird? Auf jeden Fall, ich hatte alle Freiheiten und die Zeit. Ist schon sehr glücklich, wenn jemand so total auf meiner Seite ist und das entsprechende Vertrauen in mich hat. Ich wollte nicht noch mal so ein Pop-Album machen, sondern einfach mehr. Kommerziell mag das vielleicht nicht immer erfolgreich sein, wenn man musikalisch neue Herausforderungen sucht, was mir an vielen deutschen Bands auch nicht gefällt. Liegt das nicht aber auch an dem Phänomen, dass es in Deutschland fast nur „Hobby-Bands“ gibt, die zwar mit Musik Geld verdienen, aber dafür eigentlich nichts aufgeben wollen? Das Gefühl habe ich auch. Letztens habe ich in Köln gespielt und ein Amerikaner war völlig begeistert und fragte, warum denn so wenige Leute kommen „Was läuft denn hier falsch in diesem Land“, fragte er mich. Tja, leben kann man davon nicht. Ich bin jetzt nicht frustriert, aber bei den ganzen Ergebnissen fragt man sich schon, wie es da weitergehen soll und ich könnte nicht damit leben, Songs zu schreiben, die vermeintlich mehr Erfolg haben könnten. Aber du bist doch gerade 21. Ja, das ist richtig und gut so, aber ich kenne halt viele Leute, die Ende zwanzig sind und sich diese Frage stellen. Ich möchte Musik aber weiterhin progressiv behandeln. Interessierst Du Dich eigentlich für das Drumherum, d.h. das „Music Business“? Mich lässt das meistens schon eher kalt, da ich schon glaube, dass man berechnender wird, wenn man sich mit all diesem Drumherum beschäftigt. Aus diesem Grunde habe ich auch nicht Musik studiert, weil ich gar nicht wissen will, wie es funktioniert, sondern Gefühle ausdrücken möchte. Je mehr man involviert ist, umso mehr nimmt man sich die Naivität. Aber ich bin in keiner Weise uninteressiert. Mich interessieren die Möglichkeiten des Internets einfach mehr. Ich hoffe nur, dass du den Glauben nicht verlierst. Nein, das werde ich auch nicht. Aber hier gibt man als deutscher Musiker halt nicht das distanzierte Bild ab, das ausländische Bands abgeben. Wenn Mando Diao aus Deutschland kommen würden, würde sich hier kein Mensch für sie interessieren und als langweilig befunden werden. Für mich gehören Songs wie ‚I Don’t Know Who You Are’ und ‚All I Know’ zu den besten Songs, die ich je von deutschen Musikern gehört habe. Wie entstehen derartige Songs? Die beiden Songs wurden von mir am Klavier komponiert, was für die wenigsten Songs des Albums gilt, d.h. die habe ich wirklich bei mir zu Hause alleine und ausschließlich am Klavier komponiert. Der Albumtitel „Personare“ basiert auf dem Ingmar Bergmann – Film „Persona“ – steckt da ein tieferer Sinn hinter oder hat Dich der Film da nur inspiriert? Ja, wie vorher schon gesagt, habe ich mich von diversen Dingen inspirieren lassen. Allerdings habe ich noch nicht 100%ig begriffen, wovon der Film eigentlich handelt, aber die Bilder, diese schweigsame Person, dessen Seele zu viel hat, die getragene Stimmung, müde zu sein von allem, die Introvertiertheit. Meine Freundin hatte mir den Film mal empfohlen. Da habe ich gemerkt, dass „Personare“ schon ähnlich entstanden ist. Ein bisschen die Kontrolle verlieren, sich gehen lassen. Am Schluss entstehen dann die Texte erst, die ich mit einem irischen Freund zusammen geschrieben habe. Wie gehst du denn mit dieser Introvertiertheit um? Du spielst ja letztlich auch vor Publikum, denen du etwas bieten möchtest. Auf der Bühne sehe ich das heute etwas anders, so als eine Art Medium, wo man sich ausdrücken kann und darf. Wo man Sachen machen kann, die man sich auf der Strasse vielleicht nicht traut. Das war am Anfang natürlich anders, auch wenn ich jetzt nicht der Entertainer sein werde. Ich glaube, dass ein Brian Molko sehr introvertiert ist, aber auf der Bühne trotzdem extrovertiert wirkt. Wichtig finde ich nur, dass das dann authentisch ist. Ich stehe auf das Unantastbare. Wo siehst Du Dich in ein paar Jahren? Möchtest Du nach heutigem Stand Dein Leben lang Musik machen? Was sind Deine persönlichen Ziele? Ich würde sehr gerne mehr im Ausland auf Tour gehen. Ich bekomme auch gute Resonanzen aus den USA, so richtig lange Mails zu meiner Musik. Das ist mir hier noch nicht passiert. Außerdem habe ich schon sieben neue Songs fertig, wobei ich natürlich noch nicht weiß, was davon aufs nächste Album kommt. Klar geht das eher in Richtung des neuen Albums als in der des Debüts. Ich würde gerne noch extremer werden, aber es ist auch interessant, welche Songs live wie ankommen, was sich dann wieder auf das Songwriting auswirkt. Glaubst du eigentlich, dass die Phrase „wahre Kunst entsteht aus Leid“ einen richtigen Kern beinhaltet? Leiden wir in Deutschland zu wenig? Klar wir nörgeln viel, aber wirklich leiden? Ich bin schon ein Könner, was leiden angeht. Hier herrscht natürlich viel Selbstmitleid, aber ich bin schon nicht schlecht im Leiden. Wenn ich länger als zwei Wochen zu Hause sitze, falle ich in ein Loch, aber das ist auch wiederum geil, denn dadurch entstehen schon die besten Sachen. Stimmt als schon irgendwie. Ich würde sehr gerne mehr Platten machen, da ich mich da besser fühle als auf der Bühne. Danke für dieses Gespräch.

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  1. Kommentare

    Hm, leider ist es ja oft so, dass “Platte des Monats” in einem credibility Magazin ebenso bedeutet: Totale Kritiker Platte, keine Chance auf Verkäufe…

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